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Abenteuer Flusslandschaft

Im äußersten Nordosten der Bundesrepublik liegt der Naturpark Flusslandschaft Peenetal. Mit der  Renaturierung des einstigen Niedermoors wird eines der größten Naturschutzprojekte Deutschlands realisiert. Eine nachhaltige touristische Erschließung ist Teil des Konzepts. HALALI-Autor Dr. Volker Pesch war mit dem Solarboot auf der Peene unterwegs.

Über der Peene ist es noch still. Nur ein schwacher Schimmer am Himmel spiegelt sich im glatten Wasser und kündigt den Sonnenaufgang an. Irgendwo ruckst ein Tauber. Das Morgenkonzert der Vögel ist jetzt, Ende Juli, schon eher verhalten. Am Ende des Bootsanlegers hebt ein Mann mit Zopf langsam seine Arme und streckt sie weit von sich. Wohl das Morgengebet eines Wasserwanderers, in Boxershorts und Sandalen.


Lautlos gleitet ein weißes Boot heran. Das Ding erinnert allerdings mehr an ein Bügeleisen. Im Halbdunkel ist es erst nur schemenhaft zu erkennen, was der Szenerie etwas Unwirkliches, geradezu Mystisches verleiht. Der Steuermann blickt zu mir herüber und deutet mit dem Arm auf die Flussmitte. Nach kurzem Suchen sehe auch ich den dunklen Punkt, der die Wasseroberfläche wellenförmig bewegt. Tatsächlich: Da schwimmt ein Biber!


Der große Nager ist so etwas wie das Wappentier der Peene und umstritten wie sonst nur der Wolf. Neben dem Fischotter ist er der wichtigste tierische Werbeträger für eine touristische Entwicklung. Die Chance auf Biberanblick dürfte also nicht unerheblich dazu beigetragen haben, dass sich an diesem frühen Morgen noch sechs weitere Menschen zur Sonnenaufgangstour im Solarboot hier am Anleger in Stolpe bei Anklam eingefunden haben.


Dieser Biber wird nicht der letzte sein, den wir in Anblick bekommen. Aber mit dem ersten Exemplar noch vor Beginn der eigentlichen Tour kann uns unser Guide Günther Hoffmann natürlich ganz entspannt an Bord begrüßen, auch wenn die Wetterprognose Regen und eher schlechte Sicht erwarten lässt. Das Hauptversprechen ist quasi schon erfüllt. Noch zeichnet sich der Sonnenaufgang mit zartem Lichtspiel am Himmel ab. Da heißt es keine Zeit verlieren. Nach kurzer Begrüßung fährt das Boot leise surrend los. Schweigend und staunend genießen wir die einzigartige Morgenstimmung auf dem Wasser.


TORF UND LANDWIRTSCHAFT

Unsere Fahrt geht zunächst durch den sogenannten Auwald, der biologisch gesehen ein Moorwald ist. Diese scheinbar unberührte Urlandschaft hat der Peene den klangvollen Beinamen „Amazonas des Nordens“ eingetragen. Ein Eisvogel stößt ins Wasser und taucht mit einem kleinen Fisch im Schnabel wieder auf. Während die Kameras klicken und klacken, als gäbe es die Fotografie morgen nicht mehr, erklärt der zertifizierte Natur- und Landschaftsführer das Peenetal.


Als einer der wenigen Flüsse in Mitteleuropa, die nie vertieft oder begradigt worden sind, schlängelt sich die Peene durch den äußersten Nordosten der Bundesrepublik. Ihr Lauf war einst ein Urstromtal, durch das die Eismassen der letzten Eiszeit abgeflossen sind. Allerdings heute ein Tal mit geringem Gefälle: Vom Kummerower See über rund 85 Kilometer bis östlich von Anklam, wo die Peene in den Peenestrom mündet, sind es nur 24 Zentimeter Höhenunterschied. 

 

Das macht die Strömung langsam. Wenn der Wind das Wasser der nahen Ostsee in den Peenestrom drückt, kommt sie zum Stillstand oder ändert sogar die Fließrichtung. Zusätzlich durch Grundwasser gespeist, ist so in rund 5 000 Jahren zu beiden Seiten des Flusses eines der größten zusammenhängenden Niedermoorgebiete Mittel- und Westeuropas entstanden. Rund 20 000 Hektar nimmt es ein.


Schon seit dem Neolithikum siedelten Menschen hier. Am Ufer der Peene liegt Menzlin, bis ins 11. Jahrhundert eine Nekropole und wichtiger Handelsplatz der Wikinger, durchaus vergleichbar mit dem ungleich bekannteren Haithabu in Schleswig-Holstein. Archäologen fanden nicht nur Grabbeilagen und Münzen, sondern auch Fundamente einer Brücke über die Peene und Reste einer steinbefestigten Straße.


Als Durchströmungsmoor war das gesamte Peenetal weitgehend baumfrei und nur eingeschränkt landwirtschaftlich nutzbar. Torf wurde abgebaut, als Brennstoff, und vereinzelt wurden dafür Entwässerungsgräben und Stichkanäle angelegt. Kähne transportierten den Torf, auch Kartoffeln und Rüben, nach Anklam oder weiter über Peene und Bodden. Das erklärt die halb verfallenen Bollwerke an den Ufern, an denen unser Boot vorübergleitet.


Im 19. Jahrhundert begann eine systematische Entwässerung mit Gräben, Deichen und Schöpfwerken. Um die Wende zum 20. Jahrhundert war bereits ein Großteil der Flächen landwirtschaftlich genutzt, zumeist als Wiesen und Weiden. Im Zuge der Industrialisierung der DDR-Landwirtschaft wurde die Melioration noch intensiviert. Bis in die 70er- und stellenweise sogar 80er-Jahre versuchte man, dem Moor das Land als Nutzfläche abzuringen, und das mit allen Mitteln.


Allerdings nicht mit nachhaltigem Erfolg. Denn die fortwährenden Entwässerungen führten zu Veränderungen der Bodensubstanz und einer Sackung des gesamten Moorkörpers. Tausende Tonnen Stickstoff wurden freigesetzt, die etwa zu gleichen Teilen in die Luft und in die Gewässer gelangten, wo sich Algen und Faulschlamm bildeten. Trotz permanenter Erneuerung und Verbesserung der Entwässerungssysteme nahm der Bodenertrag stetig ab. Ein Teufelskreis aus steigendem Aufwand und sinkenden Erträgen war in Gang gesetzt, den die Menschen nur verlieren konnten. Und verloren haben: Nach und nach wurde die Nutzung aufgegeben.

 

| Fotos: Gutshof Liepen | Dr. Volker Pesch | iStockphoto.com |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/2018.

 

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