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Halte den Kurs!

Eine Jagdreise mit der Familie führt Florian Maack nach Masuren in Nordpolen. Dort soll es in Begleitung unseres HALALI-Kameramanns auf Brunfthirsche gehen. Doch mitten im Jagdbetrieb bemerkt der Autor, dass diese Pirsch für ihn noch etwas anderes bereithält.

Ein Parkplatz kurz vor Torun, einer 200 000 Seelen zählenden Stadt in Polen. Etwa zwei Drittel der Fahrt von der Göhrde nach Masuren in Nordpolen liegen hinter uns. Die Hunde brauchen ein wenig Bewegung und die beiden Pkws einen Fahrerwechsel.


„Ihr wisst schon, dass wir gerade 1 000 Kilometer fahren, um in Kiefernwäldern auf Brunfthirsche zu jagen? Und daheim, sozusagen hinter unserem Haus, fangen die Hirsche auch an zu melden in diesen Tagen“, wirft mein Bruder Tim in die Runde. „Ja, ist das nicht toll?“, antwortet Niels, und alle lachen.


Wir reisen seit dem frühen Morgen gen Osten. Vier Jäger, ein Kameramann und drei Hunde. Unser Ziel ist Baldzki Piec, ein kleines Walddorf in Ermland-Masuren. Unsere Mannschaft besteht aus meinem Vater Holger, meinem Bruder Tim sowie Niels, jagdlicher Adoptivsohn und bester Freund. Eine eingeschworene Truppe, die sich jagdlich wie menschlich in- und auswendig kennt. Seit gestern Abend bereichert Michael als Kameramann für HALALI TV unsere Runde.


Die Pause ist kurz. Nach ein paar Metern Füßevertreten und einer kurzen Abstimmung zur Fahrtroute geht es weiter. Unsere vierbeinigen Reisegefährten Hades, Ensa und Amber fügen sich wieder in ihr Schicksal und rollen sich in den Boxen ein.


Niels und ich sitzen im Führungsfahrzeug. Tims Bemerkung ist mir im Kopf geblieben. In den letzten Wochen ging es vor allem um Ausrüstung, Reiserouten und Dokumente sowie um die Abstimmung mit dem Reiseveranstalter. Das „Warum“ des Unternehmens trat dabei etwas in den Hintergrund. An den Wagenfenstern streicht die Landschaft vorbei. Niels und ich sprechen über die Idee zu dieser Reise: Vor etwa 30 Jahren, der Eiserne Vorhang stand kurz vor dem Fall, machten sich zwei junge Förster auf gen Masuren: mein Vater und ein sehr guter Freund aus Studientagen. Angeregt von jagdlichen Klassikern, Lehrherren mit ostpreußischen Wurzeln und voller Abenteuergeist, wollten sie Wälder, Menschen und Stimmungen erkunden.


DES VATERS SEHNSUCHTSZIEL


Ich begann zwar damals gerade erst, mehr oder weniger erfolgreich meinen Namen zu schreiben. Die Begeisterung, mit der mein Vater über diese Reise berichtete, packte mich aber schon in jener Zeit. Besonders von der Landschaft entlang des Flusses Krutynia und vom Beldahnsee schwärmte mein Vater häufig.


Dieser ersten Reise folgten einige weitere. Und so bekam das Wort Masuren auch für mich schon sehr früh eine, wenn auch noch unklare, Bedeutung. Später verschlang ich die jagdlichen und forstlichen Klassiker über Rominten, den Elchwald und Pommern. Vor meinem inneren Auge verfestigte sich die Vorstellung von diesem Land und seinen Menschen zu einem jagdlichen und forstlichen Paradies – so weit, so jugendlich, so romantisch verklärt.


Zunächst setzte jedoch mein Bruder Tim die Sohlen seiner Jagdstiefel auf masurische Pirschwege. Der Urgroßvater seiner Frau war zu deutscher Zeit Revierförster in Masuren gewesen. 2014 beschloss ihre Familie, die Wurzeln ihrer Abstammung zu erforschen und diesen Besuch mit der Jagd auf Hirsche zu verbinden. So pirschte mein Bruder als Begleiter in der Försterei Dobry Lasek. Entlang der Krutynia-Wiese, von deren Schönheit unser Vater ja so oft berichtet hatte.


„Da müssen wir hin“ war sein Fazit. Bald wurden erste spontane Pläne geschmiedet, aber wenig konkretisiert. Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis wir schließlich aufbrachen.


Mit der Pensionierung meines Vaters begann nicht nur für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Auch wir verwöhnten Förster-Sprösslinge, die Freunde des Hauses und die ständigen Jagdgäste mussten nun zusehen, wo sie sich jagdlich verwirklichen konnten. Man kann im Leben eben doch nur wenig mehr werden als seines Vaters Sohn. Die Tage gemeinsamen Jagens wurden daher immer weniger.

 

MASUREN, WIR KOMMEN!


Kurz vor Weihnachten 2016 – wir hockten nach einer Bewegungsjagd als Gast in der Heimat am prasselnden Kamin – kam wieder einmal das Thema Masuren auf den Tisch. Mein alter Herr machte uns deutlich, dass es ihm ein Herzenswunsch sei, diese Reise mit seinen Jungs zu machen. 2017 sollte es seiner Meinung nach so weit sein. Großartige Überredungskünste musste er nicht aufbringen.


Jörg Eberitzsch vom Jagdbüro Kahle nahm sich unser an. Er ist für uns ja fast ein Nachbar in der Heide, und er merkte schnell, was genau wir wollten und worauf es uns als Gruppe vor allem ankam. Er konnte uns leider nicht direkt an die Krutynia-Wiesen ins ausgebuchte Dobry Lasek vermitteln. Doch im Revier „Loz“ bestanden noch Möglichkeiten. Das Gebiet liegt etwa im südöstlichen Winkel eines Dreiecks zwischen Olsztynek, Olsztyn und Jedwabno.


„Loz“ bedeutet Elch und ist eine private Jagdgesellschaft, die auf ca. 9 000 Hektar Staatswald die Jagd auf Rothirsche anbietet. Wir waren schnell überzeugt, vor allem, da wir als Gruppe allein im Revier würden jagen können.


„Du musst jetzt links abbiegen!“ Niels dirigiert mich auf den immer ländlicher anmutenden Straßen. Wir sind nahe Olsztynek und haben unser Ziel fast erreicht. Wir rollen durch Kiefernwälder, biegen noch zwei, drei Mal ab, dann endet der asphaltierte Weg. Ein Sandweg führt uns ins Dorf Baldzki Piec. Etwa acht bis zehn hölzerne Wohnhäuser.
Hunde bellen. Kinder spielen Ball auf dem Weg und flitzen auseinander, als sie merken, dass Fremde aus den Autos steigen. Wir stehen vor einem rustikalen dunklen Holzhaus. Dies ist also unser Heim für die nächsten sieben Tage.

 

| Fotos: iStockphoto.com | Ilka Dorn | Florian Maack | Sven-Erik Arndt | Michael Buss |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/2018.

 

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