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„Über allen Gipfeln ist Ruh …“ – Goethe und die Jagd

Deutschlands berühmtester Dichter, Johann Wolfgang von Goethe, war nicht nur ein begnadeter Schriftsteller und Forscher sowie ein sehr gewandter Homme à Femmes, sondern er war auch ein begeisterter Jäger.

Unweit südlich vom thüringischen Ilmenau, in Richtung des Thüringer Waldkammes, verlasse ich die Hauptstraße. Mein Weg führt Richtung Westen, sachte steigt der Forstweg durch ein Wiesental bergan, ein kleiner Bach und starke Kastanien begleiten ihn. Langsam wird der Weg steiler, führt mich durch Buchen- und Fichtenwälder, vorbei an kleinen Kahlschlägen, auf denen auch Ahorne und Holunder ihren Platz zwischen den jungen Fichten behaupten. Der Verbiss an den jungen Laubbäumen ist eindeutig: Auch heute, knapp 250 Jahre nach der goetheschen Jagdära in Thüringen, gibt es hier noch Rotwild. Je näher ich dem Gipfel komme, desto lichter wird der Wald, und zahlreiche Vogelbeeren wachsen bald im kniehohen Blaubeerkraut. Informationstafeln weisen mich auf vitale Populationen der so seltenen Kreuzotter hin …


Und dann endlich bin ich am Ziel, dem Gipfel des berühmten Kickelhahns. Weit reicht der Blick über die Höhen des Thüringer Waldes nach Westen auf den Lindenberg, den Heidertalskopf, den Pferdeberg. Im Anblick jener Höhen und Wälder schrieb Goethe eines seiner berühmtesten Gedichte: „Ein Gleiches“, besser bekannt als „Wandrers Nachtlied II“.


Er ritzte diese Zeilen in die Wand der auch als „Goethehäuschen“ bekannten Jagdhütte auf dem Kickelhahn. Hier ruhte der Dichter aus vom geschäftigen Treiben in Weimar, und hier jagte er, oft und ausgiebig. Goethe war neben Leonardo da Vinci und Albert Einstein unzweifelhaft eines der größten Genies der Neuzeit. Man sagt ihm nach, dass er wohl einer der letzten Menschen war, die das Wissen ihrer Zeit noch in einer Person vereinten. Nach Goethes Epoche nahmen die Wissenschaften mit ihren hochgradigen Spezialisierungen, die bis heute andauern, einen so enormen Aufschwung, dass dieser Wissensumfang kaum mehr nur durch einen einzigen Menschen verkörpert werden konnte. Und dieser „allwissende“ Goethe, der Dichter und Denker, Forscher und Politiker, war neben all den Tätigkeiten seines ohne Zweifel bewegten Lebens – Jäger. Und wie wir seinem umfangreichen Schaffen und den zahlreichen Quellen der damaligen Zeit entnehmen können, war Goethe (zumindest in den ersten Jahren seiner Weimarer Zeit) ein begeisterter und leidenschaftlicher Jäger.


Der jagdliche Werdegang


Goethes erste Kontakte zu Jagd und Jägersleuten sind unbestimmt, stammen aber vielleicht auch schon aus den Zeiten vor Weimar. Aber weder aus dem Elternhaus in Frankfurt noch aus dem Studium in Leipzig oder Straßburg oder von seinen frühen Reisen gibt es Hinweise auf eine Beschäftigung Goethes mit der Jagd. Erst im Jahre 1774 begegnet der gerade 25-jährige Goethe dem jungen Prinzen Karl August zu Sachsen-Weimar-Eisenach. Zur damaligen Zeit war Goethe schon mehrere Jahre promovierter Jurist und durch seine frühesten Werke „Götz von Berlichingen“ und „Die Leiden des jungen Werther“ bereits über die Landesgrenzen hinaus bekannt und berühmt. Als ein Jahr nach ihrem ersten Zusammentreffen der gerade einmal 18 Jahre alte Karl August Herzog wird, lädt er Goethe nach Weimar ein. Nachdem der junge Dichter und der junge Herzog sich eine Weile „beschnuppert“ hatten, berief der Herzog Goethe als Lehrer und Berater an seinen Hof. Die Entscheidung für Weimar sollte für Goethe eine Entscheidung fürs Leben werden. Und hatte er bislang in Frankfurt, Straßburg und Leipzig nur mit den städtischen Gepflogenheiten zu tun, traten im ländlichen Weimar nun Bergbau, Land- und Forstwirtschaft sowie die Jagd in Goethes Leben.


Der junge Herzog war ein außerordentlicher Heißsporn und passionierter Jäger, und zumindest in den Herbst- und Wintermonaten war er fast jeden Tag in seinem kleinen Reich zur Jagd unterwegs. So wurde Goethe, als Freund und Lehrer des Herzogs, zwangsläufig hineingezogen in die Kreise der Jäger und der Jagd.


In den ersten Jahren nach der Ankunft in Weimar ging es daher in Sachen Jagd ziemlich hoch her. Goethe durchstreifte oft mit seinem Landesherrn die Wälder rund um Weimar und den nahe gelegenen Thüringer Wald. Es wurde dabei dem Wild, vornehmlich dem Hirsch, zu Pferde nachgestellt. In vielfach halsbrecherischen Ritten ging dabei die Jagd über Stock und Stein, häufig bis in die Dunkelheit hinein – dann wurde oft an Ort und Stelle biwakiert, wo es eben gerade passte. Ein Nächtigen unter freiem Himmel war dabei sowohl nach des Herzogs als auch nach Goethes Geschmack. Mitteilungen gerade auch über die Freuden der Jagdausübung finden wir viele in den Schriften Goethes. Den Sohn Wilhelm Meisters lässt Goethe in den Wanderjahren folgende Passage sprechen: „Ich aber will ein Jäger werden. Es ist gar zu schön, den ganzen Tag im Walde zu sein und die Vögel zu hören, zu wissen, wie sie heißen, wo ihre Nester sind, wie man die Eier aushebt oder die Jungen, wie man sie füttert und wenn man die Alten fängt: das ist gar zu lustig.“


„Früh trefflich gehezzt“, bemerkt Goethe in seinem Tagebuch vom 18. November 1776 oder auch am 23. September des darauffolgenden Jahres, wo er bei Marksuhl „auf dem Wege den Spiesser gehezzt“ hatte. Aber auch der Jagd auf kleineres Getier und Flugwild widmete Goethe in den ersten Weimarer Jahren viel und gerne Zeit. In einem Brief an Auguste Gräfin zu Stolberg im Jahre 1776 schreibt er: „Ich will hinüber ans Wasser gehn und sehn ob ich ein paar Enten schießen kann.“


Aus einigen Briefen Charlotte von Steins an Goethe ist immer wieder ein Vorwurf an dieses „wilde Leben“ herauszuhören: „Welchen Sinn hat es dann: dies wilde Jagen, scharfe Reiten, dies Klatschen mit der großen Peitsche, wobei alle, die in der Nähe sind, zusammenschrecken? Das sind Jungensstreiche!“ Und weiter schreibt sie an einen gemeinsamen Freund: „… ich wünschte selbst er [Goethe, d. Verf.] mögte etwas von seinen wilden Wesen darum ihn die Leute hier so schieff beurtheilen, ablegen, daß im Grund zwar nichts ist als daß er jagd, scharff reit, mit der grosen Peitsche klatscht, alles in Gesellschaft des Herzogs.“ Dass Goethe die Jagd jedoch nur so arg treibe, um den Herzog für sich zu gewinnen, wie Freifrau von Stein in einem weiteren Brief vermutet, wird wohl kaum der Wahrheit entsprochen haben – dafür war Goethe vermutlich in dieser Zeit viel zu sehr mit Leib und Seele Jäger.


Seine Einstellung zur Jagd, zumindest in ihrer aktiven Form, wandelte sich jedoch mit zunehmendem Alter oder genauer mit seiner immer intensiver werdenden Beschäftigung mit Literatur, Wissenschaft und Politik. Gerade seine zahlreichen wissenschaftlichen Studien und sein umfangreiches literarisches Schaffen ließen ihn kaum mehr Zeit für die Jagd aufbringen. Bis ins hohe Alter nahm er jedoch noch immer regen Anteil an den jagdlichen Freuden seines Landesherrn: Noch im September 1827 (schon im hohen Greisenalter von 78 Jahren) beglückwünschte der alte Goethe seinen Landesherrn: „Zu dem schönen Jagdwetter, woran auch gestern in Berka und Tonndorf Theil zu nehmen schnelle Resolution faßte“.

 

| Fotos: Peter Horree/M.Nitzschke/imageBROKER/www.premium.de | Burkhard Stöcker |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/2018.

 

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