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Ein Paradies für Fliegenfischer

Bereits als Junge haben HALALI-Autor David Ris der glasklare Fluss und die großen Forellen beeindruckt. Im vergangenen Sommer kehrte er in den Chiemgau zurück und erlebte den perfekten Fliegenfischertag.

Klar wie ein guter Gin umfließt das kalte Wasser der Traun einige Steinblöcke, bildet weiß gekrönte Rauschen und wilde Strudel, um dann mit trügerisch ruhiger Oberfläche in einen tiefen Zug zu münden. An dieser Stelle ist sie eingerahmt von massiven Felsblöcken, gegenüber befindet sich eine Sandbank aus fast weißen Kalksteinen. Ich stehe im Schatten einiger Ulmen und beobachte den Fluss, genieße den Anblick des türkisgrünen, in der Sonne glitzernden Wassers und denke an meine erste Begegnung mit der Traun zurück.

Als Siebenjähriger stand ich während des Sommerurlaubs mit meinem Vater am Eisenbahnviadukt bei Traunstein und sah den großen Forellen zu. Nur ein kurzes Aufblitzen der braunen bzw. silbernen Flanken der Bach- und Regenbogenforellen an der Oberfläche, gefolgt von einem flüchtigen Gruß ihrer Schwanzflosse. Ein Schwall, und schon verschmilzt der Fisch wieder mit dem Gewässergrund. Und dort steht er wieder ruhig schwänzelnd in der Strömung, als sei nichts geschehen. Noch heute nimmt mich dieser Anblick immer wieder aufs Neue gefangen.

Damals, als siebenjähriger Jungangler, konnte ich noch nicht mit der Fliegenrute umgehen. Doch angespornt vom Besuch an diesem Traumgewässer, ließ ich mir von meinem Großvater die Grundzüge dieser schönsten Art des Angelns zeigen. Stunde um Stunde übte ich, ein Buch unter den Rutenarm geklemmt, die richtige Bewegung des klassischen Grundwurfs ein. Die ersten Fischzüge mit der leichten Rute führten an die Wied. Und waren ernüchternd. Keinen einzigen Fisch konnte ich von meinem Köder überzeugen. Die Enttäuschung war groß. Und so geriet das Fliegenfischen irgendwie ins Hintertreffen. Zander und Hecht waren einfach interessanter – und die Traun weit weg.

Erst als Forststudent in Göttingen kam ich wieder mit der Flugangel in Kontakt und pirschte an den Bächen im Harz. Und plötzlich war der Traum von der Traun wieder da. Doch Staatsexamen, Familiengründung und nicht zuletzt Hunde und Jagd ließen keine Zeit für einen Abstecher ins Chiemgau. Als dann für den Familienurlaub mit Frau und kleiner Tochter die Wahl auf einen Bauernhof am Waginger See fiel, griff ich sofort zum Telefon und wählte die Nummer von Rudi Heger, Inhaber des gleichnamigen Fliegenfischer-Fachgeschäftes und seit Jahrzehnten Pächter der Traun bei Traunstein. Und nur wenige Minuten später waren die Karten gebucht.

Ein lautes Platschen holt mich ins Hier und Jetzt zurück. Die schnell verlaufenden Ringe verraten den Standplatz des Fisches. Von der weißen Kiesbank wate ich ins Wasser. Wenige Schwünge mit der braunroten Sage-Rute bringen meine Flie-ge auf Distanz. Mit einem leisen Geräusch gleitet die Schnur durch die Ringe. Die Trockenfliege, eine graue Steinfliegenimitation, sinkt zart auf die Wasseroberfläche. Auch die Schnur setzt sanft auf. Das ist wichtig, da man die Fische sonst schnell vergrämt. Doch ich habe alles richtig gemacht, denn in einem Schwall verschwindet die Fliege, und die Rute verneigt sich vor der Wildheit des Fisches. Der Drill in der Strömung ist intensiv, immer wieder springt der Fisch weit aus dem Wasser. Doch schließlich kann ich eine gut 40 Zentimeter lange und wunderschön gezeichnete Bachforelle über den Kescher führen. Der Schonhaken – also ohne Widerhaken – löst sich ohne mein Zutun bereits im Netz. Vorsichtig hebe ich meine erste Traunforelle aus den Maschen und tauche sie schnell wieder in ihr Element. Einige Sekunden stütze ich den Fisch noch, schiebe ihn ein wenig vor und zurück, damit das sauerstoffreiche Wasser seine Kiemen umspült. Schnell hat die Forelle sich berappelt und verschwindet mit einem starken Flossenschlag in Richtung ihres Standplatzes. Ich verharre noch kurz und sehe ihr hinterher. Doch das ist erst der Auftakt zu einem Angeltag, wie ich ihn bisher noch nicht erleben durfte.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich wandere weiter flussab, sehe dabei viele Fische im klaren Wasser, die ich dann gezielt anwerfe. Und immer wieder fallen Bach- und Regenbogenforellen zwischen 40 und 50 Zentimetern auf die angebotene Steinfliege herein. Doch ich zahle auch viel Lehrgeld. So ein Alpenfluss hat einfach andere Dimensionen als ein gemütlicher Bach im Harz oder in der Eifel. Vor allem der Strömungsdruck, die wählerischen Fische und nicht zuletzt das glasklare Wasser machen die Angelei ungemein fordernd, aber auch spannend. Die Durchschnittsgröße der Fische ist beeindruckend. Hier kann man erleben, wie jahrzehntelange gute Hege Früchte trägt. Entnehmen darf man pro Tag einen Fisch zwischen 30 und 38 Zentimetern. Und es gibt auch richtig große Exemplare. So verliere ich am Nachmittag kurz vor dem Kescher eine über 60 Zentimeter lange Regenbogenforelle, die mir einen langen und nervenzehrenden Drill geliefert hatte. Auch so kann man Demut lernen.

 

| FOTOS: DAVID RIS |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/2018.

 

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