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Ein wildes Stück Deutschland

In unserer Serie „Naturschutzgebiete“ stellt HALALI-Autor Burkhard Stöcker den Nationalpark Berchtesgaden vor, dessen Umland Alexander von  Humboldt als „eine der schönsten Landschaften der Erde“ bezeichnet hat.

Wollen Sie einmal ein richtig wildes Deutschland erleben – zumindest aber eine Landschaft, die wirklich wild anmutet? Dann wandern Sie in den Berchtesgadener Alpen vom Funtensee über den Grün- und den Schwarzsee zur Wasseralm. Und spätestens wenn unter Ihnen der Grünsee (nomen est omen!) auftaucht, mit dem Stuhljoch, der Hochscheibe und den Funtenseetauern im Hintergrund, werden Sie an den Silbersee von Winnetou denken oder sich inmitten der kanadischen Rocky Mountains wähnen.

„Berchtesgaden ist eine der schönsten Landschaften der Erde“ – Alexander von Humboldt wurde dieser Satz (die Belege dafür sind aber eher rar) in den Mund gelegt. Man durfte von ihm, als weit gereistem Weltbürger, durchaus ein profundes Urteil über Landschaften erwarten. Doch als er Berchtesgaden kennenlernte (und jenes Urteil fällte), hatte er vermutlich weder die Großartigkeit der Anden noch die Weitläufigkeit Russlands schon gesehen.

DER „GARTEN AM BERG?“ –
DAS „JAGDHAUS DER BERTHER!“
„Berther“ oder „Berthold“ aus dem Geschlecht der Aribonen begründete ein erstes Haus bzw. eine Jagdhütte in dem waldbestandenen Gebirgskessel. Da ein kleines, einstöckiges Haus damals „Gaden“ hieß, leitete sich der Ortsname Berchtesgaden wohl vom damaligen „Berther-Gaden“ oder „Berthold-Gaden“ ab.

Anfang des 12. Jahrhunderts kam dann eine Handvoll Augustinermönche zur Kultivierung der Berge in diese bis dahin „gottverlassene“ (!) Gegend. Berchtesgaden wurde päpstliches Kloster und stand unter dem Schutz des apostolischen Stuhls. Schon 1174 wurde dem Kloster dann von Friedrich Barbarossa auch das Jagdrecht zuerkannt, und König Wenzel belehnte es mit zahlreichen Hoheitsrechten.

Die wald- und wildreiche Gegend wurde beliebtes Jagdrevier. Kleine, aber prächtige Jagdbauten entstanden, wie das Jagdschloss in St. Bartholomä oder das Wimbachschloss. Bereits im 16. Jahrhundert wurden zu Ehren fürstlicher Persönlichkeiten Jagden im Berchtesgadener Land abgehalten, unter anderem 1540 eine Bärenjagd am Untersberg für den Herzog Ernst von Bayern. Belegt sind auch so interessante Jagdarten wie der Gamsabschuss von Booten aus in den Wänden am Königssee. Abbildungen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigen in den Königssee getriebene Hirsche, die dann von Booten aus erlegt wurden. Eine Jagdpraxis, die wir heute noch von indigenen Völkern des Nordens auf Karibus kennen.

Im Jahr 1810 fiel Berchtesgaden an die Krone Bayerns und diente von nun an den bayerischen Regenten und Königen als ausgesprochen beliebtes Jagdgebiet. Es kam zu einer Trennung von Forst und Jagd mit den auch aus der Gegenwart allseits bekannten Problemen. Von 1811 bis 1868 unterstanden die Berchtesgadener Forstämter dem Hauptsalzamt, waren also Salinenforstämter. Ihr Holzertrag diente damit primär der Versorgung nahe gelegener Salinen wie beispielsweise der in Bad Reichenhall. Da die Salzgewinnung enorme Holzmengen verschlang, waren zu ihrer Versorgung große Flächen, mithin ganze Forstämter notwendig.

Die Salinen verschlangen das Holz, aber der Wildbestand diente dem bayerischen Königshaus. Unter dem Prinzregenten Luitpold gelangte die Hofjagd ab 1886 zu ihrer eigentlichen Blütezeit. Dabei gab es im Berchtesgadener Land den Brauch, dass die vom König erlegten Stücke von den Sennerinnen mit Kränzen aus Alpenrosen, Edelweiß und Bärenkraut besonders geschmückt wurden. Einen Strauß davon steckte sich der König dann auch an den Jagdhut. Brauchtumsgerechte Baumarten der Neuzeit schienen damals offenbar noch kaum Verwendung zu finden.

Im Jahr 1934 entdeckte Reichsjägermeister Hermann Göring dieses herrliche Jagdgebiet, erklärte Teile davon zum Wildschutzgebiet und kündigte den dortigen Almbetrieben. Er sorgte nicht nur für die Auswilderung des Steinwildes, sondern versuchte auch, Muffelwild anzusiedeln, und ließ Zuchtgatter für Rotwild errichten. Nach dem Krieg und der folgenden Besatzungszeit wurden im heutigen Nationalparkgebiet bis 1978 noch hochrangige Jagdgäste geführt.

DIE NATURSCHUTZGESCHICHTE
Schon 1898 schrieb Heinrich Noë in seinem Reisebericht „Aus dem Berchtesgadener Land“: „Berchtesgaden ist der Yellow-stone-Park der Deutschen Alpen“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dann ein „Pflanzenschonbezirk Berchtesgadener Alpen“ ausgewiesen. Als während des Ersten Weltkrieges die Idee geboren wurde, in die Falkensteiner Wand am Königssee einen riesigen bayerischen Löwen als Kriegerdenkmal einzumeißeln, gab es heftige Proteste. Diese führten schließlich 1921 zur Ausweisung des ca. 20 000 Hektar großen Naturschutzgebietes Königssee. Der nächste geplante „Natur-frevel“ (Bau einer Seilbahn zum Watzmann!) führte dann 1978 zur Ausweisung des ersten und bislang einzigen Alpen- Nationalparks in Deutschland mit einer Gesamtfläche von ca. 21 000 Hektar.

 

| Fotos: M.Nitzschke/imageBROKER/www.premium.de | iStockphoto.com |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/2018.

 

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