Alte Gravurabdrücke aus dem Hause Franz Schilling & Sohn, die Hendrik Frühauf als Inspiration dienen

Lebendig gepflegtes Handwerk

Müsste man nach einem deutschen Ferlach, Eibar oder Saint-Étienne suchen, so wäre unfehlbar die Gegend um Suhl in Thüringen der rechte Ort dafür. Neben vielen anderen Büchsenmachern sitzen hier – genauer in Schleusingen – zwei Brüder, in deren Werkstätten feine und traditionsreiche Waffen entstehen: Marko und Hendrik Frühauf. HALALI-Autor Bertram Graf von Quadt hat sie besucht.

Der Takt ist vorgegeben. Er läuft im Schlag des leichten Hammers, den Hendrik Frühauf in seiner Rechten schwingt und der im stets gleichen Rhythmus auf den Stichel fällt. Sieben Schläge zähle ich, die ersten drei fallen in einer punktierten Triole, die letzten vier folgen in immer kürzeren Intervallen und mit hörbar abnehmender Kraft. Die Linke des Graveurs führt den Stichel in den abschließenden Schwung einer Arabeske. Dann setzt er das Werkzeug neu an und führt mit konzentriertem Blick den nächsten Schwung aus.

 

„Eine großflächige Gravur feiner Arabesken kann eine der anspruchsvolleren Aufgaben sein“, sagt er und schiebt die Doppellupe von seinen Augen weg nach oben. „Und so was mag ich. Standardaufgaben dagegen eher weniger.“ Drei, vier Mal zieht er das Werkzeug mit einer nachlässig erscheinenden, aber dennoch genau kontrollierten Bewegung über den Schleifstein, dann legt er den Hammer beiseite und schiebt mit der Kraft seiner Hand einen Span aus dem Metall der Basküle.

 

Später wird das ein Halm des Grasbüschels sein, aus dem ein in Gold tauschierter Fasan seine Brust erhebt. Hier wird eine Flinte alter Suhler Bauart ausgeziert, mit den genialen Sauer-Seitenschlossen, in denen es kaum einen geraden Winkel und eine ebene Fläche gibt und die dennoch – oder gerade deswegen – ihre außen liegenden Zeiger stetig und perfekt im Zeichen des Schusses fallen lassen.

 

Das Gewehr hat Hendriks Bruder Marko gebaut. Seine Werkstatt liegt nicht, wie man vielleicht denken möchte, im selben Haus. Den Arbeitsort des Graveurs und die Werkstatt des Büchsenmachers trennen einige Kilometer. Hendrik hat sich in St. Kilian am Breitenbach bei Schleusingen sein eigenes Sach aufgebaut. Marko ist im Elternhaus geblieben und hat sich dort etabliert. Dort hat er sich seine Büchsenmacherei eingerichtet, in der neben modernen auch alte, liebevoll gepflegte Maschinen stehen. Die für ihren Betrieb nötigen Werkzeuge sind teilweise nicht mehr zu bekommen, dann fertigt Marko sie halt selbst. „Mein Ehrgeiz ist es, dass Hendrik und ich gemeinsam alle Gewerke anbieten können, die es braucht, um ein Gewehr herzustellen. Und das haben wir auch geschafft!“

 

Der Stolz, den man ihm anmerkt, ist berechtigt. Um ein Gewehr von der Pike auf zu bauen, braucht es den Rohrmacher, den Schlossmacher, den Schäfter, den Graveur, den Monteur und den Schwarzmonteur. Nicht einmal alle großen Waffenhersteller haben das unter einem Dach anzubieten. „Und das ist eigentlich ein Jammer“, sagt Hendrik. „Diese Gewerke sind jedes für sich eigentlich ausgestorben. Man kann Büchsenmacher lernen, Rohrmacher nicht mehr, Schlossmacher schon gar nicht mehr, eine reine Schäfterausbildung existiert nicht mehr, sogar der Waffengraveur – früher ein eigener Beruf – ist nicht mehr erlernbar. Man wird Graveur und spezialisiert sich dann.“

 

| Text und Fotos: Bertram Graf von Quadt |

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 03/2016.

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