Luxus-Querflinte im Kaliber 20/70

Waffen und Uhren

Jahrhundertelang zählte Lüttich zu den größten Waffenschmieden der Welt. Aber von den einst bedeutenden Namen der belgischen Büchsenmacherkunst sind im Laufe der vergangenen 50 Jahre alle verschwunden – bis auf einen. HALALI-Autor Wolfgang von Brauchitsch besuchte die Edelmanufaktur Lebeau-Courally.

Liège – die „Mutter“ aller Waffenmanufakturen
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es in Lüttich und Umgebung etwa 200 Waffenmanufakturen, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückgehen und die ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert erreichen. In der Zeit von 1814 bis 1914 erlebt die Lütticher Waffenproduktion eine Blütezeit sondergleichen. Für die Stadt an der Maas wird sie zum „Siècle d’Or“, zum Goldenen Jahrhundert“.

 

Heimarbeit
Traditionell fertigen in Lüttich und Umgebung in dieser Zeit Tausende von kleinen Handwerkern in Heimarbeit die einzelnen Teile der Waffen. Die einen bauen nur Hähne für Flinten, die anderen Abzüge oder Läufe. Anschließend liefern sie die Teile an Waffenfabrikanten, die den Zusammenbau in ihren Manufakturen übernehmen und die Waffen unter eigenem Namen vermarkten. Die Anzahl dieser Manufakturen steigt seit Beginn des 19. Jahrhunderts stetig an. Waren es 1816 noch 36, sind es 40 Jahre später schon 97. 1884 hat sich ihre Zahl mit 174 fast verdoppelt und erreicht um 1909 mit 195 Betrieben ihren Höhepunkt. Insgesamt sind in der Zeit von 1889 bis 1913 beinahe 12.000 Personen in der Waffenindustrie beschäftigt. Sie fertigen insgesamt 30 Millionen Waffen, hauptsächlich für den Export. Um 1900 produziert Lüttich mehr Waffen als das französische Saint-Étienne und das englische Birmingham zusammen.

 

Industrialisierung
In der zweiten Hälfte dieses „Goldenen Jahrhunderts“ findet allmählich der Übergang von der Manufaktur zur industriellen Produktion statt. Im Jahr 1886 schließen sich zahlreiche lokale Waffenhersteller unter dem Namen „Les Fabricants d’Armes de Guerre Réunis“ zusammen, um gegen die internationale Konkurrenz bestehen zu können. Angesichts zahlreicher Regierungsaufträge wird dieses Syndikat 1889 in die Société anonyme Fabrique Nationale d’Armes de Guerre“ umgewandelt, kurz FN genannt.

 

Auguste Lebeau
Zu den zahlreichen kleineren Manufakturen, die sich ständig weiterentwickeln und stärker auf den Jagdwaffenbereich spezialisieren, gehört auch der Büchsenmacher Auguste Lebeau. Seine Herkunft liegt etwas im Dunkeln. In frühen Katalogen wird als Gründungsjahr seiner Firma 1865 angegeben. Lebeau fertigt in seinem kleinen Betrieb vor allem Revolver und Jagdgewehre. Zwei Patente für eine „Hammerless Gun“, also eine hahnlose Flinte, und einen Ejektor werden auf seinen Namen eingetragen. Die Qualität seiner Produkte zeigt sich darin, dass sie unter anderem auf der Weltausstellung in Paris 1878 mit einer Goldmedaille ausgezeichnet werden.

 

Ferdinand Courally
Als Auguste Lebeau 1896 stirbt, wird die Firma von dem aus Saint-Étienne stammenden Ferdinand Courally übernommen. Ob er selbst Büchsenmacher war, ist nicht bekannt. Wahrscheinlicher ist, dass er ein tüchtiger Geschäftsmann war, der es verstand, die Manufaktur von Auguste Lebeau mit viel unternehmerischem Geschick zu einer weltweit bekannten Marke für hochwertige Jagdwaffen auszubauen. Zugute kommt ihm dabei das System der traditionellen arbeitsteiligen Lütticher Fertigung, das es ihm erlaubt, die besten Büchsenmacher für sich arbeiten zu lassen. Vor allem aber hat Courally ein ausgeprägtes Gespür fürs Marketing. Es gelingt ihm, die Marke Lebeau-Courally bekannt und begehrenswert zu machen. Denn auch auf dem Markt der Jagdwaffen reicht es nicht, lediglich ein gutes Produkt anzubieten. Gerade zur damaligen Zeit versammelt Lüttich zahlreiche hervorragende Namen wie Francotte, Bury, Defourny oder Dumoulin, um nur einige zu nennen, deren ausgezeichnete Flinten und Büchsen denen der führenden Londoner Büchsenmacher in nichts nachstehen.

 

| Text und Fotos: Wolfgang von Brauchitsch |

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 04/2016.

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