Jungtiere lernen von ihrer Mutter, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden.

Speiseplan mit Konfliktpotenzial

Die kulinarischen Vorlieben des „naschhaften Rehs“ sorgen oft für Konflikte. Über das Verbeißen forstrelevanter Pflanzen wird in der Forstwirtschaft und Jägerschaft hitzig diskutiert. Was aber steht auf dem Speiseplan der kleinen Hirsche? Wie funktioniert ihr Stoffwechsel? Und was lernen wir daraus? Diesen und anderen Fragen geht HALALI-Wildbiologin Johanna Maria Arnold nach.

Das Europäische Reh (Capreolus capreolus) kommt heute fast in ganz Europa und in einigen Teilen Kleinasiens vor. Dabei bewohnt es die unterschiedlichsten Lebensräume: Waldhabitate und Agrarflächen, Grasland, Auenlandschaften sowie gebirgige Regionen bis zur Baumgrenze. Saisonal kann es sogar in semiariden Regionen sowie oberhalb der Baumgrenze vorkommen.

 

Dabei ist das Reh anpassungsfähig und kommt auch mit den modernen Agrarlandschaften, ja sogar mit suburbanen und urbanen Lebensräumen zurecht. Idealhabitate sind halboffene Wald-Offenland-Bereiche mit ausgeprägten Randstrukturen. Blößen und Randlinien lassen Lichteinfall zu und erlauben vielfältiges und strukturreiches Pflanzenwachstum, und eine artenreiche Vegetation bietet sowohl schmackhafte Äsung als auch ausreichende Deckung.

 

Anpassungsfähig und wählerisch – das Rehwild

Vielfältig sind nicht nur seine Lebensräume, sondern auch die dort vorzufindende Nahrung ist komplex. Hinsichtlich ihrer arttypischen Naturäsung und des daran angepassten Verdauungsapparats ist das Rehwild ein typischer „Konzentratselektierer“: Am liebsten sind ihm saftige Knospen, junge Blätter, feine Gräser und Wildkräuter. Rehe selektieren leicht verdauliche, saftreiche Äsung, in denen Nährstoffe im Pflanzensaft gelöst sind, und meiden faserreiche Pflanzenteile mit hohem Zellwandanteil (wie Zellulose, Xylan oder Lignin). Spezielle Bindungsproteine im Speichel hingegen erlauben dem Rehwild eine bessere Verdauung terpen- oder tanninhaltiger Pflanzen als Pflanzenfaser. Das natürliche Äsungspotenzial wird vom Standort (Vegetationsgesellschaft) bestimmt, je nach lokal herrschenden Boden- und Klimaverhältnissen gedeihen unterschiedliche Pflanzenarten.

 

Monotone Nadelholzbestände mit vegetationsarmem Bodenbewuchs sind schlechte Rehwildhabitate, aber dennoch die oft alltägliche Erlebniswelt der kleinen Hirsche. Sie bieten kaum Deckung und Äsung. Faserreiche Koniferentriebe sind nur Notäsung und decken nicht die physiologischen Bedürfnisse. Aber auch alte Buchenwälder mit ihrer armen Kraut- und Strauchschicht sind wenig attraktiv. Lockerere Waldbestände hingegen beherbergen eine Vielzahl an Äsungspflanzen. Beliebt beim Rehwild sind Brombeere, Himbeere, Heidelbeere, Hainbuche, Roter Hartriegel, Gemeine Esche, Gewöhnlicher Liguster und viele andere Sträucher und Kräuter. Dazu frische Gräser und Knospen, Laubtriebe, Farne, Beeren, Samen und Früchte sowie Pilze je nach saisonalem Angebot. In der Feldflur nascht das Reh gerne an Rapsblüten oder Feldfrüchten.

 

| Text: Johanna Maria Arnold und Dr. Janosch Arnold || Fotos: Peter Lindel | Helge Schulz | Michael Westerop | Sven-Erik Arndt | Claas Nowak |

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 02/2017.

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