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Schwarz auf Bein – Scrimshaw

Das Handwerk ist alt. Wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Lang war es halb vergessen und allenfalls noch in Museen zu finden. Heute ist es höchste Gravierkunst, und einer der wenigen Meister darin ist Richard („Ritchi“) Maier. HALALI-Autor Bertram Graf von Quadt hat ihn besucht.

Ritchi Maier läuft gern. Es mache den Kopf frei, sagt er. Er läuft viel. Der Kopf ist beständig voller Ideen, voller Bilder, die in Stahl oder Bein gegraben sein wollen. In Stahl arbeiten viele, und viele sind hervorragend. In Bein arbei-tet kaum jemand auf dem Niveau von Ritchi Maier, nur wenige haben diese alte Technik zu solchen Höhen gebracht. Gravuren in Bein kennen wir schon aus der Steinzeit, auch wenn es damals noch mehr Schnitzerei als Gravur war. Der Löwenmensch vom schwäbischen Lonetal ist so ein Beispiel. Nach der Eiszeit werden die Arbeiten feiner: Im Britischen Museum in London findet sich eine, die zwei schwimmende Rentiere darstellt, gearbeitet aus einem Mammutstoßzahn. Der Begriff „Scrimshaw“ entsteht erst viel später, auf den Walfangschiffen Neuenglands taucht er in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts das erste Mal auf. Woher er stammt, weiß niemand. Die ersten Arbeiten datieren aber aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Walfänger bearbeiteten die Zähne von Pottwalen sowie die Stoßzähne von Walrössern mit ihren Taschenmessern, ritzten mehr oder minder grobe, naive Grafiken hi- nein, die dann mit Ruß eingerieben und auspoliert wurden. In den geritzten Li-nien hielt sich der schwarze Ruß, das Weiß des Beins stach dagegen heraus.


Wenn Ritchi Maier vor einem Stück Bein sitzt, dann beginnt ungleich diffizileres Arbeiten. Wo Stahlgravuren spanabhebend laufen, wo also ein Teil des Materials mit dem Stichel oder dem Meißel aus der Oberfläche genommen wird, wird bei Scrimshaw Material im Bein, was weicher ist als Stahl, verdrängt. Bis hierhin gleicht noch das antike Scrimshaw dem, was aus Maiers Werkstatt im schwäbischen Bondorf kommt. Wo altes Scrimshaw meist eine einfache Schwarz-Weiß-Grafik ist, sind Maiers Werke feinste Zeichnungen in allen Abstufungen von tiefem Schwarz bis zur Farbe des Trägermaterials. Bein ist nie rein weiß. Mammutelfenbein beispielsweise trägt alle Schattierungen von der Farbe einer Eierschale bis hin zu beigem Braun. Auch Grün, Blau und Schwarz finden sich im Mammutelfenbein. Und je nachdem, wo Ritchi Maier seine Nadel und Stichel hineinsetzt, ist das Schwarz die Farbe der Tinte, die er aufträgt, und das Gegenteil davon die Farbe des Beins.

 

| Fotos: Bertram Graf von Quadt | Archiv Ritchi Maier |

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 03/2017.

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