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Der Michael Phelps unter den Jagdhunden

Der Chesapeake Bay Retriever liebt das Wasser und zeichnet sich durch seine enorme Arbeitsfreude, hohe Intelligenz und den selbstbewussten Charakter aus.

Der Schwimmer Michael Phelps und der Chesapeake Bay Retriever besitzen tatsächlich einige Gemeinsamkeiten. Beide stammen aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Maryland, und beide sind in ihrem liebsten Element, dem Wasser, ziemlich erfolgreich. Ersterer als mehrfacher Olympiateilnehmer und der andere als Jagdgebrauchshund.

Der Ursprung des Chesapeake Bay Retrievers ist ebenfalls eng mit dem Element Wasser verbunden, was bei diesem Hund nicht weiter verwundert. Die Chesapeake Bay ist die größte Flussmündung in den Vereinigten Staaten – mehrere Flüsse fließen an dieser 300 Kilometer langen und 50 Kilometer breiten Bucht an der Ostküste in den Atlantik. 1807 lief dort bei einem Sturm ein Schiff, die „Canton“, auf Grund und mit ihm strandeten zwei Hundewelpen, die von einem jungen Mann namens George Law gerettet wurden.

Dieser schreibt später über jene Begebenheit: „An Bord fand ich zwei St. John’s Welpen, männlich und weiblich, die ich rettete und später, da ich mich wieder an Land befand, für einen Guinea das Stück erwarb.“ Er taufte sie Sailor und Canton, und als er wieder zur See fahren musste, verkaufte er sie weiter. Law blieb mit den neuen Besitzern in Kontakt und erfuhr, dass die jungen Hunde sich einen „hervorragenden Ruf“ als Wasserhunde erarbeitet und sich als „außergewöhnlich klug in vielerlei Hinsicht, aber ganz besonders bei der Entenjagd“ erwiesen hatten.

Obwohl Canton und Sailor nie verpaart wurden, gelten sie als der Ursprung der Chesapeake Bay Retriever – auch „Chessie“ oder „CBR“ genannt. Man vermutet, dass mehrere Rassen mit einer ähnlichen Vorliebe für Wasser an der Entstehung des Chesapeake Bay Retrievers beteiligt waren. So zum Beispiel der Irish Water Spaniel, der Curly Coated Retriever und der Flat Coated Retriever sowie verschiedene Setterrassen und Coonhounds. Letztere wurden vornehmlich für die Waschbärjagd genutzt. 1878 wurde der erste rassestandardgerechte Chesapeake im American Kennel Club (AKC) registriert. Seitdem hat sich die Rasse zu einem beliebten Jagd- und Familienhund entwickelt, der besonders in den USA populär ist. Zu den berühmten „Chessie“-Besitzern zählte zum Beispiel der ehemalige US-Präsident Theodore Roose-velt. 1964 wurde der Chesapeake Bay Retriever zu Marylands offiziellem Wappenhund ernannt.

Lange galt der „Chessie“ als tüchtiger „Allround-Hund des einfachen Mannes an der Chesapeake Bay“, informiert der Deutsche Retriever Club (DRC). Die Ausdauer, der Mut und die Robustheit der Rasse waren damals wie heute überzeugende Argumente dafür, ihn als Jagdbegleiter einzusetzen. Allein die Wasserfreude und die Wetterhärte der Chesapeake Bay Retriever sind legendär. In dem sumpfigen Grasland seiner amerikanischen Heimat kann der „Chessie“ diese Eigenschaften voll ausspielen. Vor allem bei der Enten- und Gänsejagd zeigt er, was er kann. Er schwimmt lange und ausdauernd, selbst in eiskaltem Wasser, bei Wind und auch bei Gezeitenströmung. Sogar dünnere Eisschichten durchbricht er mit seinem Körpergewicht, um seine Apportieraufgabe zu erfüllen. Auch Dornengestrüpp, Schneegestöber und unwegsames Gelände bereiten ihm keine Probleme. Für seine Arbeit kommen dem Chesapeake Bay Retriever seine Intelligenz, seine hohe Selbstständigkeit und seine teilweise etwas eigensinnige Art zugute.

„Chesapeakes sind wahre ‚workaholics‘, die dafür leben, etwas lernen und arbeiten zu dürfen“, heißt es beim DRC. Alles andere sei für sie zweitrangig. Wer die rassetypischen Charaktereigenschaften kenne und sich auf sie einlasse, dürfe sich über einen idealen und zuverlässigen Jagdgebrauchshund an seiner Seite freuen. Das selbstbewusste, selbstständige Wesen der Chesapeake Bay Retriever, die sich gern auf eine bestimmte Bezugsperson fixieren, erfordert jedoch eine „sehr konsequente Führung und Rangordnungszuweisung“, betont der DRC. Der Chesapeake muss schon als Welpe lernen, klare Regeln anzuerkennen, und sollte frühzeitig an andere Hunde und Menschen gewöhnt werden. Mit ihrem großen Arbeitseifer stehen sich die „Chessies“ auch manchmal selbst im Weg – sie möchten eine Aufgabe unbedingt und sofort lösen, anstatt sich in Geduld zu üben und abzuwarten. Warten zu lernen sei für junge Chesapeakes meist schwieriger als die Lösung der Aufgabe selbst, so der DRC.

Seine Intelligenz, der außerordentliche Lern- und Arbeitswille, gepaart mit dem für ihn typischen Eigensinn – all das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass der Chesapeake Bay Retriever ohne jagdliche Arbeit psychisch wie physisch nicht ausgelastet ist. Salopp formuliert: Mit langen Spaziergängen und dem Werfen von Bällen allein wird man diesem Hund nicht gerecht. Wird er nicht richtig oder nicht ausreichend gefordert, sucht er sich andere Beschäftigungen beziehungsweise legt Verhaltensweisen an den Tag, die jedoch wenig wünschenswert sind. Auch sein ausgeprägter Schutz- und Wachtrieb sollte nicht verkannt werden. Nichtjäger können ihren Chesapeake zum Beispiel bei der Rettungshundearbeit oder im Agility einsetzen, um ihn entsprechend auszulasten.

Doch der Chesapeake Bay Retriever ist und bleibt in erster Linie ein Jagdhund. Mit seinen Eigenschaften eignet er sich hervorragend für die Arbeit nach dem Schuss, etwa zum Apportieren von Niederwild, für die Verlorensuche oder auf der Schweißfährte. Mit der entsprechenden Ausbildung kann der Chesa-peake auch zum Stöbern und Buschieren eingesetzt werden.

 

| TEXT: ANNETTE FELDMANN |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 02/2018.

 

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