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Niederwild im Sinkflug

Feldhase, Fasan, Rebhuhn und andere Charakterarten der extensiven Kulturlandschaft sind seit mehreren Jahrzehnten stark im Rückgang begriffen, und ein Ende oder gar eine Umkehr dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Es zeigt sich ein Silberstreif am Horizont, doch ein langfristiges Umdenken ist dringend erforderlich.

Heute gelten Reh, Wildschwein und Rotfuchs als klassische „Kulturfolger“ – als Gewinner in den durch den Menschen veränderten Lebensräumen. Die Zuordnung einzelner Arten in diese menschliche Kategorisierung aber ist so veränderlich wie auch die Lebenssituationen, die Wildtiere in den heute stark anthropogen geprägten Kulturlandschaften vorfinden. Wer gestern noch ein Gewinner war, kann heute schon ein Verlierer sein. So ist es dem Feldhasen, dem Rebhuhn und dem Fasan ergangen. Einst zahlreich und weit verbreitet, sind deren Besatzrückgänge heute besorgniserregend. Der Rückgang zeigt sich vor allem in den Regionen, die zuvor die höchsten Besatzdichten aufweisen konnten, wobei der Rückgang in den eher ungeeigneten Lebensräumen weniger stark spürbar ist (Hackländer 2014, Arnold etal. 2016).

LEBENSRAUM IM WANDEL

Die Charakterarten der Agrarlandschaften, wie Feldhase, Rebhuhn und Fasan, stammen ursprünglich aus der EurasischenSteppe und gelangten in der Jungsteinzeit nach Europa, zu derselben Zeit, als der Mensch ca. 5 000 vor Christus begann, sich seinen Lebensraum aktiv zu gestalten: Wälder wurden gerodet, es wurde Ackerbau und Viehzucht betrieben. So entstanden Lebensräume, die günstiger für viele Arten nicht sein konnten. Getreide, Feldgräser und -sträucher boten reichlich Deckung und Nahrung. Und das sogar – anders als in den Steppenursprungsgebieten – auch in den Wintermonaten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Besatzdichten beispielsweise des Feldhasen ein Hundertfaches dessen erreichen können, was in der Steppe möglich ist (Hackländer 2014). Bei solchen – fast schon artifiziell herbeigeführten – Dichten kann dann jagdlich abgeschöpft werden, auch um Wildschäden zu vermeiden. Die Benefits der damaligen Bewirtschaftung sind aber erloschen, heute müssen sich die Niederwildarten mit anderen Gegebenheiten arrangieren.

Exkurs: Einflussgrößen auf die Besatzdynamik
Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa sind die Niederwildstrecken in den letzten Jahrzehnten stark gesunken. Dabei lässt sich der Beginn des Rückgangstrends aus langfristigen Jagdstrecken-Datenreihen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkennen (Arnold 2007).

Ein Komplex an Faktoren, die miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen, wirkt auf die Besatzdynamik der Niederwildarten.

1. Witterung und Klima
Feldhase, Fasan und Rebhuhn sind als ursprüngliche Steppenbewohner an ein kontinentales Klima angepasst, d. h. an trockene heiße Sommer und trockene kalte Winter. In unseren Breiten trägt der Sommerniederschlag zum Vegetationswachstum bei, was sich auch bezüglich vermehrter Äsung und Deckung der Niederwildarten positiv auswirkt. Jedoch können sich lang andauernde oder übermäßige Regenperioden wiederum negativ bemerkbar machen, denn insbesondere die Jungtiere werden davon beeinträchtigt. Werden diese nass – egal, ob Haar- oder Dunenkleid – und trocknen nicht gut ab, können sie sterben. Auch die Hennen verbringen bei Nässe mehr Zeit mit Hudern; wichtige Zeit, die zur Futtersuche mit den Jungen fehlt. Die Auswirkungen des Klimawandels sind noch nicht bekannt und werden sicherlich in den nächsten Jahren in breit angelegten Studien weiter untersucht werden müssen.

2. Menschliche Aktivität
Nicht nur Landnutzung, wie etwa durch die Landwirtschaft, sondern auch Jagd, Freizeitnutzung, Straßenverkehr und menschliche Infrastruktur wirken auf die Besatzdichten ein. So kann auch eine niederwildfreundliche Bewirtschaftung nicht wirken, wenn die Bejagung über dem Zuwachs betrieben wird oder der Lebensraum von stark frequentierten Straßen durchzogen ist (in manchen Bundesländern gehen bis zu 75 Prozent der Jagdstrecke auf das Konto des Straßenverkehrs). Auch die Vernetzung von Lebensräumen kann hinsichtlich des Gen-Austauschs und der damit verbundenen Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit ausschlaggebend sein. Bekannt ist, dass Störungsereignisse die natürlichen Aktivitätsrhythmen der Wildtiere empfindlich beeinträchtigen und eine negative Energiebilanz hervorrufen können.

3. Prädation
Beutegreifer wie beispielsweise der Rotfuchs (Vulpes vulpes) oder Rabenkrähen (Corvus corone corone), deren Bestände heute um ein Vielfaches höher liegen als noch vor einigen Jahrzehnten, können auf die Besätze von Feldhase, Fasan und Rebhuhn wirken, insbesondere dort, wo Deckungsstrukturen fehlen oder die Tiere aus anderen Gründen geschwächt sind. Andere hingegen haben in ihren Beständen abgenommen, wie z. B. der Kolkrabe (Corvus corax), oder sind konstant geblieben. Zur Räubergilde hinzugekommen sind Neozoen wie z. B. der Waschbär (Procyon lotor) oder der Marderhund (Nyctereutes procyonoides). Auch hier sind die Zusammenhänge zwischen Prädation und Besatzdynamik nicht eindimensional zu betrachten. Grundsätzlich fehlt es an breit angelegten Studien im mitteleuropäischen Bereich, um konkrete Aussagen zur Effekthöhe der Prädation in unserer Kulturlandschaft treffen zu können.

4. Krankheiten
Krankheiten können Wildtiere schwächen oder sogar zu deren Tod führen. Insbesondere Jungtiere sind davon betroffen. Die Zusammenhänge sind noch nicht ganz geklärt und bedürfen weiterer Forschung. Dabei sind wildbiologische Studien gemeinsam mit Veterinärmedizinern durchzuführen, um einen tieferen Einblick gewährleisten zu können.

 

| TEXT: JOHANNA MARIA ARNOLD UND DR. JANOSCH ARNOLD | Fotos: Jan Piecha | Claas Nowak | iStockphoto.com | Sven-Erik Arndt | Enrico Schubert | K. H. Volkmar |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 03/2018.

 

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