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Komplizierte Schüsse

„Berg rauf und Berg runter, halt immer darunter …“ Diesen alten Jagdvers hat wohl jeder schon einmal im Laufe seiner Jagdausbildung gehört. Doch nur die wenigsten kommen regelmäßig in die Situation, ihn anwenden zu müssen. Was steckt eigentlich hinter diesem etwas antiquiert klingenden Spruch? HALALI-Autor Theo Fischer weiß Rat.

Die Bergjagd ist eines der schönsten Naturerlebnisse überhaupt. Im Morgengrauen, noch bei Dunkelheit, hoch in den Berg zu steigen und dort dem allmorgendlichen Farbenspiel des Lichts beizuwohnen, ähnlich einem Schwarzweißfoto, das mehr und mehr von der Sonne koloriert wird. Ich ertappe mich oft selbst dabei, verträumt stehen zu bleiben und beim Anblick der majestätisch anmutenden Berge die Zeit zu vergessen. Der schwere Schnee liegt im Winter wie eine Krönungsrobe auf den Bergen. Und die facettenreiche Vegetation wirkt wie ein königliches Gewand mit mannigfaltigen Verzierungen und Details.

Doch auch die Jagd an sich ist im Gebirge eine Königsdisziplin. Man gerät doch recht schnell an seine körperlichen Grenzen. Kommt jagdbares Wild in Anblick, muss man oft schon beim Blick durch das Fernglas gegen den rasanten Puls und den pochenden Herzschlag in der Brust ankämpfen, um in Ruhe ansprechen zu können. Nach ein paar tiefen Atemzügen wird das Bild klar. Ein reifer Rehbock steht dort unten in der Hangmulde und erfrischt sich am klaren Quellbächlein. Ein abnormer Sechser, die rechte Stange auf halber Höhe seitlich abgeknickt. Ich entscheide mich, ihn zu erlegen.

Mir ist völlig klar, dass ich nicht einfach „draufhalten“ kann. Das Stück steht weit unterhalb im Tal. Mir pfeift ein frischer Wind um die Ohren. Es ist noch erstaunlich kalt an diesem Morgen. Wie weit steht er wohl weg? Vielleicht 150 m, es kann auch mehr sein, oder weniger? Berg rauf und Berg runter, halt immer darunter … Wir kommen später wieder zurück zu diesem waghalsigen Moment kurz vor dem Schuss, reißen uns jetzt jedoch von ihm los, um einige nüchterne theoretische Überlegungen anzustellen.

Können wir uns solche Schüsse überhaupt zutrauen? Können wir die Einflussgrößen überhaupt verlässlich einschätzen? Haben wir bei komplizierten Schüssen noch den Respekt vor dem Geschöpf? Zerlegen wir dafür die oben beschriebene Situation in seine entscheidenden Einflussgrößen.

DER SCHUSSWINKEL
Beim ebenen Schuss liegt die Visierlinie genau horizontal in der Ebene, also parallel zum Meeresspiegel. Die Seelenachse liegt nicht parallel zur Visierlinie, sondern schneidet diese in einem Punkt. Auf das Geschoss wirken im Flug hauptsächlich zwei Kräfte: der Luftwiderstand und die Erdanziehung. Die Abweichung der Geschossflugbahn zur Seelenachse nimmt daher mit wachsender Entfernung exponentiell zu. Deshalb ist die Geschossflugbahn immer eine abfallende Parabel.

Nehmen wir nun an, wir haben unser Gewehr auf 100 m Entfernung „fleck“ eingeschossen. Der Haltepunkt entspricht also genau der Treffpunktlage im Ziel. Wir haben keinen gewollten Hochschuss. Während das Geschoss die 100 m abfliegt, zieht die Erdanziehungskraft es permanent nach unten. Und zwar auf der gesamten Strecke von 100 m. Man muss sich dabei vor Augen halten dass die Gewichtskraft (Erdanziehung) immer nur senkrecht nach unten wirkt, also zum Erdmittelpunkt.

Ganz anschaulich wird es, wenn wir uns vorstellen, dass das Geschoss eine Schnur hinter sich spannt, die in der Luft stehen bleibt. Scheint die Sonne nun genau von oben auf diese Schnur, sehen wir am ebenen Boden den Schatten der Schnur. Wenn wir nun die Länge dieses Schattens von der Mündung bis zum Ziel messen, erhalten wir die Entfernung, auf die die Erdanziehungskraft wirkt. Dies klingt zunächst trivial. Bei einem Schuss in der genau horizontalen Ebene auf eine Entfernung von 100 m ist der Schatten der Geschossflugbahn (Schnur hinter dem Geschoss) folglich genau 100 m lang. Er entspricht der Schussentfernung, also 100 % der echten Entfernung.

Stellen wir uns nun vor, wir stehen direkt an einer steilen Klippe in der afrikanischen Savanne. Vor uns liegt eine weite Ebene, jedoch etwa 60 m tiefer als wir, denn wir stehen ja oben auf dem Felsvorsprung. Unten in der Ebene steht eine Zielscheibe. Mit einem Entfernungsmesser messen wir eine Entfernung von 100 m zum Ziel. Wir halten nun mit dem Zielfernrohr genau mittig auf die Scheibe und schießen. Verblüffenderweise liegt der Einschuss deutlich über dem eigentlichen Zielpunkt, obwohl wir ja zuvor genau auf 100 m eingeschossen haben. Sehen wir uns nun den Schatten der Geschossflugbahn an, unsere Schnur hinter dem Geschoss.

Diesen Schatten sehen wir ja nun nur unten in der Ebene. Er ist genau 80 m lang. Das zeigt uns, dass auch die Erdanziehung nur auf 80 m Strecke gewirkt hat, also deutlich weniger als beim gleichen Schuss in der flachen Ebene. Das entspricht nur 80 % der echten Entfernung. Aufgrund des geringeren Einflusses der Erdanziehungskraft wurde demnach die Flugbahn mehr gestreckt, und das Geschoss wurde weniger stark zum Boden gezogen als beim Schuss in der Ebene. Es flog also bei gleicher Entfernung höher.

Was sagt uns nun dieses Gedankenspiel? In der Ballistik bezeichnet man die Länge des Schattens von der Geschossflugbahn als sogenannte „äquivalente horizontale Entfernung“ oder englisch „equivalent horizontal range“ (EHR). Dieses Modell sagt uns, dass wir bei einem steilen Schuss genau die Treffpunktveränderung erhalten, die wir auch auf der äquivalenten horizontalen Entfernung in der Ebene erhalten würden. Ist demzufolge die EHR, also die Länge des Flugbahnschattens, bekannt, kann man das Zielfernrohr oder den Haltepunkt so verändern, als würde man in der Ebene auf die (Schatten-)Entfernung schießen, und trifft punktgenau das Ziel.

In der Praxis liegt die Schwierigkeit in der Ermittlung der EHR. Moderne Entfernungsmesser haben Winkelsensoren verbaut, die aus echter Entfernung und dem Schusswinkel eine äquivalente horizontale Entfernung berechnen. Das ist natürlich komfortabel und auch sehr präzise. Hat man solch ein Wunderwerk der Technik nicht zur Hand, gibt es folgende Möglichkeit, die EHR zu schätzen: Bei Schüssen bergab stellt man sich einen Helium-Luftballon vor, der vom Ziel aus an einer Leine so lange aufsteigt, bis er uns auf Augenhöhe erscheint. Die geschätzte Entfernung zum Luftballon ist dann die EHR. Gleiches gilt bei Schüssen bergauf, nur muss man sich hier ein Lot senkrecht nach unten denken.

Ein entscheidendes Kriterium entschärft aber die Debatte um steile Schüsse erheblich: Wird das Gewehr auf GEE eingeschossen und wird der steile Schuss auf eine Entfernung unterhalb der GEE in einem Winkel kleiner als 45° abgegeben, ist die Flugbahnabweichung infolge des Winkels geringer als die in Kauf genommene Abweichung von 4 bis 5 cm bei der GEE. Das heißt, bei solchen Schüssen wird die Flugbahn immer in der ohnehin vorhandenen Toleranz von 4 cm (halbes Rehherz) bleiben. Man braucht hier also keine weiteren Anpassungen vorzunehmen.

 

| Fotos: Theo Fischer | Wild Wonders of Europe/Widstrand/naturepl.com | Skizzen: Theo Fischer |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 03/2018.

 

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