erzaehlung 2

Einzelwesen

In weiten Teilen Deutschlands sind die Niederwildbestände auf ein tragisches Maß gesunken. Große Niederwildjagden finden meist nur noch im Ausland statt, was gute Freunde oder einen dicken Geldbeutel voraussetzt. So bleibt vielen nur die Erinnerung, wie auch HALALI-Autor Bertram Graf von Quadt.

Ich will hier nicht von den ganz guten Tagen erzählen, von den ganz sauren auch nicht. Denn von all den guten, schönen, großen, kleinen, harten und sauren Tagen sind letztlich nur grobe Gesamtaufnahmen geblieben: Die Gesichter weiß ich noch, das Lachen, die Witze und Frotzeleien, die Stimmung. Aber vom Wild blieb dann doch nur eine Strecke X, die im Schussbuch steht. Diese Tage waren schön, und keinen davon will ich missen. Aber Einzelwesen sind nur ganz wenige geblieben. Und von denen will ich erzählen.

DIE „SCHATTEN-ENTE“
Am beschriebenen Tag auf einer guten Niederwildjagd in Niederösterreich vor vielen Jahren – es dürfte der vorletzte Trieb am Nachmittag gewesen sein – latschte ich auf dem Acker neben einem Windschutz her. Die Herbstsonne brannte, im ausgetrockneten Mais neben mir war nichts aufgestanden auf der ganzen Länge, auf der anderen Seite hatte es zweimal „Has, Has!“ geheißen, mit nachfolgendem Sperrfeuer und keinem Befehl zum Apport. Fad war’s, langweilig fad. Der Lehmboden klebte in dicken Sondersohlen unterm Stiefel und wog ordentlich, die neu erstandenen Tweed-Knickerbocker sahen zwar extrem kleidsam aus, waren aber viel zu heiß für den Tag. „Siedeschritt“ ist das Wort, das ein hessischer Freund mal dafür geprägt hat. Der Leser kann sich das wahrscheinlich vorstellen. Gott sei Dank würde es nicht mehr lang dauern.

 

Von den Vorstehschützen trennte mich kein Schrotschuss mehr, die hatten ihre Flinten ohnehin schon gebrochen. Im ganzen Trieb war herzlich wenig gewesen, und so weit konnten sie das schüttere Ende des Windschutzes und die beiden Maisstreifen zur Linken und zur Rechten einsehen, dass sie wussten: „Trieb vorbei. So gut wie.“

 

Ich trottete langsam, müde und gesenkten Hauptes auf die Straße zu, die gebrochene Flinte in der Armbeuge. Grad war ich auf dem breiten Vorgewende, als ein Schatten über den Boden glitt, von rechts kommend, schnell und klein. Instinktiv hob ich den Kopf: Weit oben, sehr hoch droben strich eine Ente. Einzeln, einzig an diesem Tag. Ein kurzer Blick auf die Flinte: Geladen war sie noch. Abermals ein Blick zur Ente hoch: zu hoch eigentlich, für mich auf jeden Fall. Ob die Latschen erkennbar waren? Nicht in dem Licht. Aber: Ein Erpel war’s, das konnte ich sehen. Und: Jeder konnte mich sehen, das sah ich auch. Alle Schützen und Treiber samt Oberjager und Hundeführern waren aus dem Trieb und standen am Ende des Windschutzes, und jeder konnte Ente und Schütze sehen, jeder konnte erkennen: Der Quadt schaut.

 

Was jetzt, Quadt? Schießt du hin, schießt du nicht hin? Schießt du hin, schießt du eh vorbei, das ist sicher. Schießt du nicht hin, lässt dich jeder das wissen und spüren. Es muss das „Es“ gewesen sein, wie Freud es beschreibt, oder das „Über-Ich“, das die Entscheidung gefällt hat. Ich war es sicher nicht. Ich schoss nicht, es schoss mich, sozusagen. Irgendwie schloss sich die Flinte, irgendwie kam sie richtig an den Kopf, brach der Schuss, fiel der Erpel. Er fiel lang. Sehr lang. Landete so knapp vor den Füßen des Oberjagers, dass der einen Schritt zurückmachen musste. „Des mog i. Darschiassn dans mi nimma, oba jedsd woins mi daschlong!“ (Übersetzung für die der niederösterreichischen Sprache Unkundigen, wobei damit viel von der Schönheit des Gesagten verloren geht: „Das gefällt mir! Bei Ihnen laufe ich inzwischen nicht mehr Gefahr, erschossen zu werden. Dafür versuchen Sie inzwischen offenbar, mich zu erschlagen.“)

 

| Fotos: iStockphoto.com |

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 04/2018.

 

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