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Auf dem Dach der Welt

Simon K. Barr begab sich nach langer Vorbereitung auf den Weg nach Nepal, um Tahre und  Blauschafe in ihrer angestammten Umgebung zu bejagen. Eine Jagdreise, die gleichermaßen  herausfordernd wie beeindruckend war.

Mein Vorhaben, auf dem Dach der Welt zu ja-gen, entstand seltsamerweise in Nebraska, einer der flachsten Gegenden, die ich je besucht habe. Dort, im Hauptquartier von Hornady, hängt ein bizarr anmutendes Wesen an der Wand, unweit von Jason Hornadys Büro. Es sieht weder aus wie ein Schaf noch wie eine Ziege, eher wie eine Mischung aus beiden, die aus einem der Bücher von J. R. R. Tolkien stammen könnte. Es handelt sich um ein Blauschaf oder „Bharal“, wie man dieses Wild im Himalaya nennt. Diese sehr gute Trophäe hatte Steve Hornady in China erbeutet, als man dort noch jagen konnte. Heute gibt es keine legale Jagd in China mehr, aber dieses fremdartige Wild hatte mich zu der Suche nach dem Ungewöhnlichen, Nichteinzuordnenden und Schwer- erreichbaren inspiriert. Ich wollte nicht nur das Blauschaf in seiner angestammten Umgebung sehen und beobachten, ich wollte ein wirkliches Abenteuer, wollte unbegangenen Pfaden folgen und die Erfahrung der großen Expeditionen der viktorianischen und edwardianischen Ära erleben.

Die Jagd in China wurde vor mehr als zehn Jahren verboten. Doch ein glücklicher Zufall brachte mich mit dem dänischen Großwildjäger Jens Kjær Knudsen zusammen, er öffnete mir die Augen für eine andere Gegend, in der diese Art lebt und ihre Fährten in größerer Höhe zieht als jedes andere Wild: den nepalesischen Himalaya. „Das ist wirklich harte Jagd“, sagte Jens damals, „vielleicht die härteste, die es gibt.“ Und wenn das ein Mann wie Jens sagt, ein Veteran mit immenser Erfahrung in der Gebirgsjagd weltweit, dann ahnt man, auf welche Herausforderung man sich gerade im Begriff ist einzulassen. Aber wie dem auch sei: Meine Neugier war geweckt, und ich begann zu recherchieren. Es gibt wenig zu lesen über die Jagd im Himalaya, so gut wie keine Literatur, und es bedurfte einiger Recherche, bis ich ungefähr wusste, was zu tun sei. Jens hatte mir „Global Safaris Nepal“ empfohlen, geführt von dem jungen und freundlichen Unternehmer Samsher Parajuli aus Nepal. Doch auch mithilfe eines erfahrenen Outfitters bedurfte es zweier Jahre Planungszeit. In Nepal wird jährlich eine genau festgelegte Anzahl Tiere erlegt, 20 Lizenzen für Blauschafe und zehn für den Himalaya-Tahr werden jährlich unter nationalen und internationalen Jägern versteigert. Da sich der Preis dieser Lizenzen an der Nachfrage seitens der Outfitter orientiert, handelt es sich bei dieser Auktion eher um eine Art Lotterie.

Bei der Ankunft in Kathmandu schloss sich mir der außerordentlich trainierte amerikanische Jäger Matt Fowler an, von dem ich bislang nur von einem mir befreundeten Jagdführer aus Alaska gehört hatte. Wir verstanden uns auf Anhieb, die Jagd ist eine verbindende Gemeinsamkeit, die übergreifend alle Grenzen der Kultur und der Ansichten eint. Wir fühlten uns beide nach bestem Wissen und Gewissen auf das Kommende vorbereitet: Ich hatte mir ein mehrmonatiges Trainingsprogramm scharfer Märsche in den schottischen Highlands und wöchentliches Jogging verschrieben. Und doch mischten sich in meine Gedanken Nervosität und immense Aufregung: Als ich in Kirgisistan auf den mittelasiatischen Steinbock gejagt hatte, hatte ich unter der Höhenkrankheit zu leiden. So wusste ich, dass ich egal, wie fit ich auch war – dem gnaden-losen Sauerstoffmangel in den höheren Gegenden der Welt nichts entgegenzusetzen hatte. In Nepal würden wir völlig von der Außenwelt abgeschnitten sein, und wo der Tahr auf über 4 000 und das Blauschaf auf über 5 000 Meter Seehöhe lebt, kann vieles schiefgehen. Aber: Der Erfolg würde das Wagnis mehr als wert sein, und Wagnis ist das, was meinen Adrenalinspiegel steigen lässt.

Wir verbrachten zwei Tage zur Akklimatisierung in Kathmandu, einer staubigen, geschäftigen Stadt, in der Hindus und Buddhisten in Eintracht miteinander leben. Unsere erste Aufgabe war es, Waffen und Munition durch den Zoll zu bringen: keine Kleinigkeit in einem Land, in dem der Besitz eines Gewehrs gesetzlich verboten ist. Doch es gelang uns, und den Rest des Tages verbrachten wir in der Verwaltung des Gouverneurs. Wie man uns dort von einem Büro ins andere schickte, um eine Stempelmarke nach der anderen einzusam-meln, gemahnte stark an die Filme von Monty Python. Nachdem wir nicht weniger als zehn dieser Aufkleber zusammengesammelt hatten, wurden wir letztendlich zum Gouverneur höchstselbst vorgelassen. Dieser waltete seines Amtes, verpasste uns die elfte und letzte Marke und erklärte uns zur Jagd in Nepal für berechtigt.

In Kathmandu wandelt man unweigerlich auf den Spuren der großen, berühmten, tapferen Forscher, deren sagenhafte Reisen dicke Bände füllen. Da uns ein ganzer Tag zur Verfügung stand, charterten wir ein Flugzeug zu einem Rundflug um die höchsten Gipfel der Erde: den Everest und seine mächtigen Brüder. Der Anblick dieser höchsten Höhen, die so viel Bemühen, Leid und die gravierendsten Folgen menschlicher Fehler gesehen haben, erfüllte mich mit Ehrfurcht. Wir flogen an nicht weniger als sechs der 14 höchsten Berge dieses Planeten vorbei – und „vorbei“ ist genau der richtige Ausdruck, denn auch bei einer Flughöhe von 30 000 Fuß waren die Gipfel aus dem Flugzeugfenster nicht unter, sondern neben uns zu sehen – eine eigenartige Erfahrung. 

| Fotos: Simon K. Barr | Patricio Robles Gil/naturepl.com |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 02/2018.

 

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