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A Gentleman´s Suit

Zur stilvollen Jagd gehört der passende Anzug. Kein Multifunktionsanzug mit Camouflage-Muster, sondern ein klassischer Dreiteiler ganz nach englischer Sitte. Ein Plädoyer für den Tweed-Anzug

Wer mit einer ehrwürdigen Querflinte zur Jagd geht und die Jagd auch als ästhetischen Genuss begreift, wer für die Viktorianische Zeit schwärmt, Höflichkeit und Understatement schätzt, wer manch exzentrische Angewohnheit kultiviert, wer ein Faible für Tweed hat, wer also unrettbar anglophil ist, der will sich – so darf man anneh-men – irgendwann irgendwie in einen „Gentleman“ transformieren. Ob dies je gelingen kann, ist schwer zu sagen. Der Versuch indes verdient höchste Anerkennung.

GENTLEMAN

Die Frage, wann das Ziel erreicht, wann die Transformation abgeschlossen ist, lässt sich kaum beantworten: Schon der Begriff des „Gentleman“ ist schillernd. Man liest vieles in ihn hinein und ebenso vieles aus ihm heraus. Allein vier Bücher stehen in meinem Regal, die den Begriff in ihrem Titel führen. Allesamt beleuchten sie das Thema höchst unterschiedlich: historisch, typologisch, humoristisch und die vierte Darstellung allein unter dem Aspekt der Kleidung. Die Essenz des Begriffs „Gentleman“ destillieren zu wollen wäre ein vermessenes Unterfangen. Es dürfte indes Einigkeit bestehen, dass es – bei allen notwendigen Voraussetzungen wie Charakter, Bildung, Manieren – auch die Erscheinungsform ist, die einen Gentleman auszeichnet.

Zwar ist es nicht möglich, sich allein durch die Wahl seiner Kleidung als Gentleman zu qualifizieren. Aber wie der gute Ton zur Höflichkeit gehört, so gehört ein guter Kleidungsstil zum Gentleman. Und um diesen kleinen, wenngleich nicht marginalen Aspekt geht es: korrekt gekleidet zu sein, auch auf der Jagd. „[…] you need the proper dress, hunting being one of the pursuits for which formal dress is still compulsory“, schreibt der britische Philosoph Roger Scruton: Korrekte Kleidung gehört dazu, da die Jagd eine jener Aktivitäten ist, für die ein Dresscode immer noch obligat ist.

TWEED

Der Maßstab hierfür kann nur ein englischer sein. Man denkt sofort und unwillkürlich an Tweed. Der englische Dresscode hat allerdings einige sorgfältig zu umfahrende Untiefen. Einige Male schon bin ich aufgelaufen: Denn Tweed ist nicht im-mer erlaubt. In lebhafter Erinnerung sind mir die spöttischen Blicke auf mein Tweed-Jackett, das ich einst – ein grässlicher Fauxpas! – zu einem Geschäftstermin in London trug, im naiven, doch grundfalschen Glauben, man trage im Vereinigten Königreich schlechthin Tweed. „Why are you dressed like an English country aristocrat?“, wurde ich immerhin gefragt und humorvoll über meinen Fehlgriff aufgeklärt. Mittlerweile weiß ich es besser. Feine Stoffe in Grau und Blau für die Stadt, Tweed für das Land. In viele Tweed-Stoffe sind nicht von ungefähr die natürlichen Farben Schottlands eingegangen: Braun, Grün, Rot, Violett. Tweed darf ein Begleiter auf Spaziergängen im herbstlichen Wald oder entlang steiler Küsten sein, er darf einen in kühlen Dorfkirchen wärmen. Auch die ungeheizten Zimmer englischer Landhäuser bieten dem Tweed seinen verdienten Platz. Tweed hat seine eigene Aura. Er ist eine Reise zurück in andere Zeiten, er ist Eskapismus, Flucht aus der Moderne mit ihren perfekten, wasserdichten, geräuscharmen Funktionsmembranen, die ich – ich gebe es zu – auch nutze. Und aus Tweed ist der Anzug für die Jagd, der „Shooting Suit“.

SHOOTING SUIT

„Shooting Suit“. Man kann den Begriff kaum übersetzen, ohne falsche Assoziationen auszulösen. „Schießanzug“ – das wäre die wortwörtliche Übertragung aus dem Englischen – klingt wenig elegant, fast nach Militär oder neumodischer Funktionsbekleidung. Das führte indes in die völlig falsche Richtung. Übersetzen wir also nicht, umschreiben wir: Shooting Suit – das ist ein Anzug, den man nicht zum Dinner, nicht zu förmlichen Familienfeiern, nicht im Büro, aber sehr wohl zum Jagen trägt: ein Dreiteiler aus Tweed mit großen aufgesetzten Taschen, in die man den Handvorrat an Patronen füllt, und mit Falten zwischen Schultern und Ärmeln, „action pleats“, die für die notwendige Bewegungsfreiheit sorgen.

Der Shooting Suit fasziniert mich schon lange. Vor einem Vierteljahrhundert hatte ich mein erstes Urerlebnis mit dieser Art von Anzug. Der Junge brauche ein Jackett, wurde zu Hause beschlossen. Und ich wollte – vage wusste ich damals schon von der englischen Schneiderkunst – Tweed! Die Tour, auf die mich mein Vater damals nahm, führte uns zu einem Geschäft, das mit den „guten alten Dingen“ warb und sie tatsächlich auch führte, darunter englische Tweed-Kleidung. Ich entdeckte ein schweres Jackett, mit großen aufgesetzten Taschen und mit jenen merkwürdigen Falten an den Schulterblättern. Es bezauberte mich, doch mein Vater kaufte es mir nicht. Zu schwer, zu warm, zu rustikal – und doch grandios! Man mag in ihm die verhängnisvolle Urform des Tweed-Jacketts erblicken, die mich behext hatte.

 

| TEXT UND FOTOS: DR. WOLFGANG FLECK |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 02/2018.

 

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