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Auf dem Dach der Welt (Teil 2)

Die Jagd nach Blauschafen in Nepal stellt Simon K. Barr vor eine der größten Herausforderungen seines Lebens.

Höhe kann umhauen. Und der alte Spruch „Was dich nicht umhaut, macht dich stärker“ gilt hier nicht. Auf 4 300 Meter über Normalhöhennull macht das Aufwachen keinen Spaß. Die Kälte kriecht durch die Nähte deines Schlafsacks und saugt die Wärme aus deinem Körper, während es im Kopf dröhnt. Ibuprofen hilft dagegen, aber nur ein wenig. Gegen die Übelkeit, die Erschöpfung und das Gefühl der Schwäche in dieser Höhe hilft es gar nicht. Der Gedanke geht mir durch den Kopf, dass ich viel fitter und besser vorbereitet hätte sein können, insgesamt ein paar mehr Stunden im Fitnessstudio hätte verbringen können. Die Wahrheit ist aber: Egal, wie fit du bist – die Höhenkrankheit kann jeden erwischen. Die Sherpas jedoch, die springen über die Steine wie die Blauschafe, hinter denen wir her sind.

Glücklicherweise gab es einen Tag Pause nach vier Tagen brutalen Aufstiegs ins Camp. Ein Tag Erholung, ein Tag Ruhe, ein Tag zum Nachdenken, ob ich wirklich die Kraft habe, diese Blauschaf- Jagd, diese Jagd nach der am höchsten lebenden Wildart der Welt, zu Ende zu bringen. Matt Fowler, ein Amerikaner, war heute mit der Jagd an der Reihe, und ich hatte den Tag zur Akklimatisierung an den niedrigen Sauerstoffgehalt der Luft hier oben. Trotz der Halluzinationen und verrückten Träume, die die Höhenkrankheit mit sich bringt, hörte ich, wie die Gruppe um fünf Uhr morgens in der Dämmerung aufbrach. Für ein paar Stunden fiel ich immer wieder in unruhigen Schlaf und wachte dann mit Übelkeitsanfällen wieder auf. Irgendwann rissen mich lebhafte Stimmen aus dem Schlaf. Erstaunlich genug: Matt war nach drei Stunden wieder ins Camp zurückgekehrt und hatte einen siebenjährigen Widder erlegt. Ich sah die Gruppe wie einen Siegeszug ins Camp einziehen, der Sherpa trug das 75 Kilogramm schwere Wild in einem Bambuskorb auf dem Rücken, den Tragriemen quer über die Stirn gespannt.

Dieser Anblick war genau das, was ich brauchte, um mich anzustacheln, mir den nötigen Ruck und das nötige Selbstvertrauen zu geben, das ich für meine Jagd brauchte. Ich wusste, dass die nächsten ein oder zwei Tage hart werden würden und dass ich mich ausruhen musste. Aber das war leichter gesagt als getan: Später am Tag war mir nicht nur übel, ich spie mir die Seele aus dem Leib. Ich zog mich in mein Zelt zurück und kam nur heraus, um mit meinem Jagdführer die Taktik für den nächsten Morgen durchzusprechen. Auf der anderen Seite des Berges neben dem Camp wusste er ein Rudel Blauschafe in den Hängen. Das bedeutete zwar einen ganzen weiteren Tag des Aufstiegs, aber es war unsere beste Chance. Ob und wie wir es am selben Tag wieder ins Camp zurück schaffen würden – das war der nächste sorgenvolle Gedanke, der mich beschlich.

Unser Jagdführer, Man Bahadur Pun Magar, war eine erstaunliche Figur: 42 Jahre alt, ehemaliger Wilderer, ehemaliger Buddhist. Inzwischen hat er sich taufen lassen, hat aber dennoch zwei Ehefrauen, die beide offensichtlich mit dem Arrangement zufrieden sind. Ein zäher Bursche: Seine Abenteuergeschichten über die Schneeleoparden am Berg hörten sich kaum glaubhaft an, so lange, bis man selbst ein oder zwei Tage mit ihm im Gebirge unterwegs war. Dann klingen sie auf einmal alle wahr. Wie all unsere Sherpas, Spotter, Köche und das ganze Team war Man klein und flink und hatte keinerlei Probleme mit der Höhe. Und nicht nur das: Kaum einner im Team hatte richtige Bergstiefel oder gar Steigeisen. Sie alle trugen Tennisschuhe, abgetragen und mit weicher Sohle. Jeder muskelbepackte Ironman war nichts dagegen. Mein Kopf dröhnte und schmerzte, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte, als ich am nächsten Morgen mein Gewehr auf den Rücken packte. Der kalte Wind biss mich in Ohren, Hals und Nase. Bereits fünf Minuten, nachdem wir im diesigen Licht der Stirnlampen aufgebrochen waren, war der Inhalt meiner Trinkflasche eisiger Matsch, und als es hell genug war, um ohne Lampen weiterzugehen, war er beinhart gefroren. Um den Berg zu umrunden und auf die andere Seite zu gelangen, wo die Schafe in den Hängen standen, mussten wir erst einmal 300 Meter ab- und dann wieder aufsteigen. Ich tastete mich langsam hinter Man und dem Spotter her, wissend, dass ein Sturz hier keine Option war, der Tod aber eine allgegenwärtige Realität. Über eineinhalb Kilometer hatten wir ein ungünstig gelegenes Geröllfeld zu queren.

Das war eine gefährliche Strecke. Bei jedem Schritt hörte ich, wie sich die Steine unter unserem Gewicht verschoben. In der Größe variierten sie zwischen fußballgroßen scharfkantigen Brocken, an denen man sich gern den Fuß bricht, und Blöcken, die die Ausmaße eines Londoner Doppeldeckerbusses hatten. Sie waren so übereinandergestapelt, dass sie an eine unordentliche und unangenehme Ausgabe des Spiels „Jenga“ erinnerten. Es gab nur eine Möglichkeit, dieses Risiko anzugehen: es völlig zu ignorieren. Auf diese Art und Weise überwanden wir eine der womöglich härtesten Zonen der Welt, die ich jemals begangen habe. Irgendwann stiegen wir dann wieder auf und folgten den Konturen des Berges, dessen Gipfel in 4 600 Meter Höhe kaum sichtbar war. Als wir um eine Schulter kamen, sahen wir ein Rudel Schafe, ein Dutzend stark vielleicht. Wir richteten uns ein, um sie mit dem Spektiv näher anzusprechen.

 

| FOTOS: SIMON K. BARR |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 03/2018.

 

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