bogenjagd 2

Die Jagd mit dem Bogen gestern und heute

Die HALALI-Autoren Beate A. Fischer, Luis Jan Riedel und Helge Clauß beleuchten historische, aktuelle und rechtliche Aspekte der Bogenjagd.

Ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gerade eben geschehen. Ich schließe meine Augen, rieche den Duft des Waldes, höre seine Geräusche und sehe vor meinem inneren Auge den Rehbock knapp 15 Meter entfernt vor mir stehen. Es ist schon dämmrig, und es nieselt leicht. Eigentlich wollte ich mich 0000+gerade auf das Abbaumen vom Treestand vorbereiten.

 

Da steht er plötzlich, wie aus dem Nichts. Er scheint nervös und äugt ständig aufmerksam umher. Leise und sehr langsam nehme ich den Compoundbogen von meinem Schoß auf und schalte die kleine Pin-Beleuchtung ein, damit ich den Zielpunkt im Visierkorpus auch bei den herrschenden schlechten Lichtverhältnissen wahrnehmen kann. Der Pfeil mit der mehrschneidigen, rasiermesserscharfen Jagdspitze ist schon eingenockt. Meine rechte Hand gleitet zum Release, das schon im Loop an der Sehne hängt.

 

Ich spüre das kalte Eisen meines Release in meiner rechten Hand durch den dünnen Handschuhstoff, der Druckpunkt des Bogengriffes in meiner linken Hand ist perfekt. Fast in Zeitlupe strecke ich den linken Arm und ziehe, so langsam ich kann, die Bogensehne nach hinten. Kurz bevor der Auszugsstopp des Cams am Kabel anschlägt, merke ich die Reduktion von ca. 80 %, und ich muss mich darauf konzentrieren, dass ich die letzten Millimeter sehr langsam und konzentriert nach hinten bis zum Auszugsanschlag ziehe. Der Stopper darf nicht mit einem Ruck am Kabel stoppen, sonst hört das vielleicht der Rehbock

 

Puh, geschafft, meine rechte Hand findet ihren gewohnten Ankerpunkt an meinem rechten Unterkiefer. Mit einem ersten Blick kontrolliere ich die Visierung und senke langsam den Bogen, bis der Körper des Rehbockes in meinem Visier erscheint. Der Bock steht optimal breit. Dann ruht der leicht grün leuchtende Pin auf dem Tierkörper im unteren Drittel der Kammer. Ich stelle mir vor, wie der Pfeil von meiner erhöhten Position durch beide Lungenflügel fliegt – das ist mein Anhaltepunkt.

 

Jetzt bewege ich meinen Daumen auf den Abzugsbügel und spüre den Kontakt. Mein Körper steht in dieser ungewohnten Haltung unter großer Spannung, dennoch halte ich den Pin ruhig auf meinem Anhaltepunkt. Meine Rückenmuskulatur hat die Haltekraft übernommen, meine Bogenhand ist ganz locker, und langsam erhöhe ich den Druck auf den Abzug an meinem Release. Plötzlich, fast unerwartet, öffnet sich die Zange von meinem Release und gibt die Sehne frei. Nach dem Bruchteil einer Sekunde sehe ich die Leuchtnocke meines Pfeiles ganz kurz in der Kammer des Bockes verschwinden. Gleichzeitig vernehme ich ein leises „Plock“, vergleichbar mit dem dumpfen Knall eines zerplatzenden Luftballons. Der Rehbock springt ab, beschreibt in seiner Flucht einen Halbkreis und kommt direkt auf mich zu. Dort, wo er vorher stand, steckt mein Pfeil im Boden, und das Licht der Leuchtnocke leuchtet mir entgegen. Der Bock erreicht den Baum, auf dem ich mit dem Treestand sitze, und bricht direkt dahinter zusammen. Ich sehe noch sein kurzes Schlegeln, dann ist er verendet.

 

| Fotos: Nicolas Armer | Sabrina D. Bloch | Hans Arc | iStockphoto.com | Bridgeman Images |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 04/2018.

 

  • bogenjagd_1
  • bogenjagd_2
  • bogenjagd_3
  • bogenjagd_4
  • bogenjagd_5
  • bogenjagd_6
  • bogenjagd_7
  • bogenjagd_8

Simple Image Gallery Extended