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Der Gamsbart – Mehr als nur Hutschmuck

Der Gamsbart ist als Hutschmuck Bestandteil einer authentischen regionalen Tracht und zeugt von der kulturellen Identität der Menschen in Bayern. HALALIAutor Dr. Jörg Mangold hat einen Bartbinder in dessen Werkstatt besucht.

Mein Freund Hans aus dem Saalachtal hätte, ebenso wie jeder echte bayerische Trachtler, nur ein Kopfschütteln übrig für die aus Kunsthaar schnell zusammengeklebten „Gamsbärte“, die zusammen mit Lederhose und Wadlstrümpfen, sozusagen als billiges „Oktoberfest-Set“, zur Wiesn-Zeit reißenden Absatz finden und die es den Volksfestbesuchern aus aller Herren Länder ermöglichen sollen, sich für einige Stunden in bayerische Lebensart einklinken zu können.

 

Ein echter, aus den langen, dem Aalstrich entstammenden Rückenhaaren eines Bartbockes kunstvoll gebundener Gamsbart ist weit mehr als nur ein modisches Accessoire. Es käme einem Sakrileg gleich, solch ein kleines Kunstwerk dem Bierdunst, dem Rauch und dem Geschiebe und Gedränge in einem Bierzelt auszusetzen. Man trägt den Gamsbart zu besonderen festlichen Anlässen, bei Festzügen, zum Kirchgang und natürlich auch zum sonntäglichen Frühschoppen im Wirtshaus, wobei der Hut nicht achtlos und unbewacht an der Garderobe abgelegt wird, sondern auf dem Kopf bleibt.

 

Hans beherrscht als einer der wenigen im Salzburger Land noch die Kunst des Bartbindens. Es ist sehr eindrucksvoll, zu beobachten, wie professionell dem gelernten Zimmerer, zu dessen Werkzeug ja hauptsächlich Axt und Motorsäge gehören, die subtile Arbeit des Bartbindens von der Hand geht. Nach Feierabend zieht er sich, von seiner Bayerischen Gebirgsschweißhündin Bina begleitet, in seine im Keller eingerichtete Bartbinderwerkstatt zurück. Mit sehr wenig Werkzeug kommt er dort aus. Das Relikt eines abgebrochenen Meterstabes, eine Zwirnrolle, ein Metallkamm, eine alte, leicht angerostete Fahrradspeiche, eine Schere, einige an Reagenzgläser erinnernde Glasröhrchen und zwei Kaffeehaferl zum Sortieren und Aufbewahren der Barthaare – das sind die wenigen Utensilien, mit denen es ihm in sehr vielen Arbeitsstunden gelingt, einer bereits ideell wertvollen Jagdtrophäe auch einen besonderen materiellen Wert zu verleihen und damit zugleich ein altes jagdliches Kulturgut zu bewahren.

 

Hans hat dieses kunstvolle Handwerk von einem alten Bartbinder gelernt, der zuvor schon mehrfach vergeblich versucht hatte, Jüngere für das Bartbinden zu begeistern, aber alle hätten, so Hans, nach einiger Zeit wieder hingeschmissen.

 

Jedem Bartbinden geht ja ein ganz besonderes Jagderleben voraus. Die nicht ganz ungefährliche Jagd auf den Wintergams in großer Höhe, bei Eis und Schnee, sowie die Bergung und der schweißtreibende Transport der Beute ins Tal verlangen einen Jäger mit großer Passion und guter Kondition. „Wenn si oaner mit an Gams so g’schund’n hat, na hat er a’ a Recht auf an guad bundna Board!“ (ins Hochdeutsche übertragen so viel wie: „Wenn sich einer mit einem Gams so geschunden hat, dann hat er auch ein Recht auf einen gut gebundenen Bart!“), meint Hans und betont zugleich, dass jeder seiner Freunde (und nur für wenige gute Freunde bindet er) mit seiner Arbeit bisher zufrieden gewesen sei.

 

| Fotos: Dr. Jörg Mangold |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/2019.

 

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