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Das geheime Jagdparadies der Präsidenten

Die Chasse Présidentielle in Chambord, die Exklusivjagd für französische Staatschefs und ihre Gäste, ist traditionell eine geschätzte Pflichtkür für Staatsoberhäupter. Doch wenn die ehemaligen französischen Präsidenten Georges Pompidou und Valéry Giscard d’Estaing gemeinsam mit Freunden beim Jagen in entspannter Atmosphäre durchatmen wollten, dann jagten sie auf Château de Marolles in der südlichen Touraine.

„Wer sind Sie denn?“, ruft eine empörte weibliche Stimme aus dem Küchenfenster. „Der Chauffeur des Staatspräsidenten“, antwortet der junge Mann durch die abgesenkte Fensterscheibe der dunklen Limousine, die gerade vorgefahren ist. „Und ich bin die Königin von England“, spottet Bertine, Haushälterin und gute Seele des Château de Marolles. Sekunden später schießt der forschen Französin die Schamesröte ins Gesicht, als sich die hintere Tür des Fahrzeugs öffnet und ein elegant gekleideter Gast aussteigt. Es ist Staatschef Georges Pompidou, französischer Präsident in den Jahren 1969 bis 1974.

 

Der passionierte Jäger, der seine naturverbundene Jugend unweit der südfranzösischen Kleinstadt Albi verbrachte und seine Jagdwochenenden gerne zum Luftholen, Entspannen und zur privaten Kontaktpflege nutzte, schmunzelt verschmitzt und enteilt ihrem Blickfeld. Er ist nicht der einzige Staatschef, der leidenschaftlich gerne nach Marolles kommt, um Fasane zu jagen. Auch der 1926 in Koblenz geborene Valéry Giscard d’Estaing steht regelmäßig auf der Gästeliste. Der ehemalige französische Präsident schätzte es – fernab der prestigeträchtigen Präsidentenjagd in Chambord –, gemeinsam mit Freunden zum Vergnügen in der südlichen Touraine, unweit der Stadt Loches, zu jagen. Und wenn es um Fasanen ging, gab es zu seiner Amtszeit (1974–1981) wohl kaum einen prädestinierteren Ort als das Château de Marolles.

 

1 400 Hektar Land umgeben das Schloss, das 1863 vom jagdbegeisterten und landwirtschaftlich hochversierten Pariser Ingenieur Fernand Raoul-Duval erworben wurde. Er legt große Flächen trocken, forstet auf, baut ein 18 Kilometer langes Wegenetz sowie die Grande Ferme, einen landwirtschaftlichen Betrieb mit über 7 000 Quadratmetern überdachter Fläche, voll der für die damalige Zeit innovativsten Technologie. Éoliennes, Windräder mit gewundenen Rotorblättern, die an Jules-Verne-Verfilmungen erinnern, stellen die Wasserversorgung sicher, es gibt moderne Traktoren und später auch ein 16 Hektar umfassendes Weinanbaugebiet. Die Grande Ferme ist ein Symbol des Fortschritts und so spektakulär einfallsreich, dass sie 1877 vom damaligen Präsidenten der Republik, Maréchal Patrice de Mac-Mahon, persönlich eingeweiht wird. Als 1892 Raoul-Duvals Sohn Maurice das Erbe antritt, galten Fasanen – heute ein fester Bestandteil der Niederwildjagd – noch als Hochwild. Und sie spielten schon damals eine ganz besondere Rolle auf Marolles.

 

Großflächig angelegte Fasanenkammern durchzogen das unterhalb des Schlosses gelegene Tal. Tausende von Fasanen lebten darin. „Alles wurde auf ebenen Flächen angelegt, mit südlicher Ausrichtung, damit die Vögel im Winter vor der Kälte geschützt waren“, berichtet Bruno Couturié (58), ein direkter Nachfahre Fernand Raoul-Duvals, der heute auf Château de Marolles lebt. Eine Entwicklung, die die Fasanenjagd revolutionierte. „Früher waren sie selten und nur dem Adel zur Jagd vorbehalten. Im 18. Jahrhundert machten kleine Stöberhunde das Flugwild hoch und trieben es auf die Bäume. Sobald die Vögel sich dort niederließen, schossen sie die Jäger vom Baum. Nachts leuchtete man aufgebaumte Fasanen sogar mit Laternen an und schoss die schlafenden Vögel einfach herunter. Mit der voranschreitenden Entwicklung von Waffentechnik und Munition wuchs auch die Möglichkeit auf einen erfolgreichen Schuss auf laufendes oder fliegendes Wild – das war gleichzeitig der Startschuss für die Fasanerien“, erklärt Couturié, dessen Großvater Henri die legendären Jagdgesellschaften mit Gästen aus dem Élysée-Palast organisierte.

 

| Fotos: Archiv der Familie Bruno Couturié |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/2019.

 

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