Gerade das teilweise menschenleere Hinterland bietet ideale Voraussetzungen für den Wolf.

Im Wolfserwartungsland

Der Europäische Grauwolf siedelt und jagt wieder in Deutschland. Unter denen, die alltäglich mit dem neuen Nachbarn leben müssen, ist die Willkommensfreude verhalten. HALALI-Autor Dr. Volker Pesch untersuchte in Mecklenburg-Vorpommern, was die Rückkehr der Wölfe heute und in naher Zukunft für Schäfer, Landwirte und Jäger bedeutet.

Zuerst war das Wort nur eine bitterböse Pointe: Wolfserwartungsland, das stand für entleerte ländliche Räume und sterbende Dörfer im Osten der Bundesrepublik. Ein Finger in jenen Wunden, die Soziologen und Raumplaner gerne als Folgen des demografischen Wandels schönreden.

 

Wo Menschen keine Lebensgrundlage mehr finden und abwandern, das sollte damit ausgedrückt werden, siedeln sich bald wieder Wölfe an. „Ostdeutschland war in den vergangenen 25 Jahren bereits das Labor für Niedriglöhne, Tarifflucht und Abwanderung“, warnte beispielsweise Helmut Holter, Fraktionschef der Linken im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, „es darf jetzt nicht Wolfserwartungsland werden.“ Ein kräftiges Bild ist das, und es leuchtet politisch unmittelbar ein. Wildbiologisch betrachtet hat es allerdings einen Fehler: Die Wölfe siedeln sich nämlich auch dort an, wo Menschen leben.

 

Die Rückkehr der Wölfe
Canis lupus lupus, der Europäische Grauwolf, kehrt wieder in Gegenden zurück, in denen er fast oder vollständig ausgerottet war (siehe HALALI 01/2013). Selbst für Wolfsverhältnisse dicht besiedelte Regionen nimmt er als Lebensraum an. Manche Biologen schätzen die Bestände in Europa auf rund 12.000 Wölfe, andere auf weitaus mehr. Und das ohne Russland, Weißrussland und die Ukraine, weil von dort kaum gesicherte Zahlen vorliegen. Sicher ist nur, dass die Art in Osteuropa in starken Populationen vorkommt.

 

Auch die ersten Wölfe der neuen Zeit wandern Ende der 90er-Jahre aus dem Osten nach Deutschland ein. Das erste Rudel wird im Jahr 2000 in der sächsischen Oberlausitz bestätigt, genetische Untersuchungen ordnen es seiner westpolnischen Verwandtschaft zu. Bis zur zweiten Rudelbildung dauert es fünf Jahre, 2010 sind es bereits zwölf Rudel, für das Monitoringjahr 2013/14 werden 25 ausgewiesen. Ende 2015 rechnen die Beauftragten für das Wolfsmanagement in den ostdeutschen Bundesländern und in Niedersachsen mit mindestens 34 Rudeln.

 

Jedes Rudel besteht normalerweise aus den Elterntieren, den Welpen und den Jungtieren des Vorjahres, also aus fünf bis zehn Wölfen. Es beansprucht ein Territorium zwischen 250 und 300 Quadratkilometern, je nach Beschaffenheit der Landschaft und vor allem nach Nahrungsverfügbarkeit. Dazu kommen zahlreiche territoriale Einzelwölfe und ungezählte wandernde Wölfe, zumeist Jungwölfe auf der Suche nach Partnern und eigenen Territorien. Insofern dürfte die Gesamtzahl der Wölfe in Deutschland derzeit irgendwo zwischen 300 und 500 Tieren liegen.

 

| Text: Dr. Volker Pesch || Fotos: iStockphoto.com | Julia Kauer |

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 01/2016.

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