Der Barockpavillon konnte 2003 mit Mitteln der Jost-Reinhold-Stiftung saniert werden.

Die Eichen von Ivenack

Vertrautes Damwild, heimliche Muffel und glückliche Schweine: Unter den 1.000-jährigen Eichen von Ivenack lässt es sich gut leben. Jetzt sind die Baumriesen in Mecklenburg-Vorpommern zum ersten Nationalen Naturmonument Deutschlands erklärt worden. HALALI-Autor Dr. Volker Pesch war vor Ort.

Die Sau grunzt auffordernd. Kurz äugt sie den Besucher an, als erwarte sie eine besondere Leckerei, vielleicht einen Apfel oder auch ein belegtes Brot mit Käse. Aber diesen Besucher erweichen die Schweinsäuglein nicht, er wirft ihr nur eine Handvoll Mais aus dem Futterautomaten zu, alles andere wäre auch nicht gerne gesehen. Also wendet sich die Sau wieder den Eicheln zu, die der Sturm der letzten Nacht vorzeitig vom Baum gerissen hat. Genüsslich nimmt sie eine nach der anderen auf.

 

Man ist versucht zu glauben, dass diese Sau um ihr Glück weiß. Sie zählt nämlich nicht nur zu der alten Rasse der Turopolje-Schweine, die als besonders umgänglich gelten und sich kaum aus der Ruhe bringen lassen, sondern sie lebt auch unter den vielleicht ältesten Eichen Europas, den 1.000-jährigen Eichen von Ivenack. Und sie kennt ganz sicher nicht die alte Fleischerweisheit, dass unter alten Eichen die besten Schinken wachsen.

 

Idylle und Verfall
Ivenack ist eine kleine Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern, genauer im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, rund 30 Kilometer nordwestlich von Neubrandenburg. Das gleichnamige Rittergut war gegen Ende des 19. Jahrhunderts der größte landwirtschaftliche Betrieb in den Mecklenburgischen Herzogtümern. Fast 7.000 Hektar Nutzfläche, das wäre selbst im heutigen Mecklenburg noch groß. Das Herrenhaus wird Schloss Ivenack“ genannt und wartet noch auf den Kuss des Prinzen.

 

Wer durch die umliegenden Dörfer fährt, vermag darin die ehemaligen Nebengüter zu erkennen: typisch mecklenburgische Gutsdörfer mit symmetrisch angelegter Gutsanlage, geduckten Landarbeiterkaten an der Dorfstraße und einer Schnitterkaserne für die Saisonarbeiter. Die Landschaft ist durchaus idyllisch, aber auch gezeichnet von Landflucht und Verfall. Gerade 22 Einwohner pro Quadratkilometer leben hier noch.

 

Die Landesregierung hat bis heute keine Antwort gefunden auf die Frage, wie man dem demografischen Wandel und den Folgen der Industrialisierung der Landwirtschaft politisch begegnen könnte. Wie so viele andere Gemeinden würde auch Ivenack am leeren Tropf verhungern – wären da nicht die Eichen. Mehrere Zehntausend Besucherinnen und Besucher ziehen die gewaltigen Bäume Jahr für Jahr an. Und seit die Ivenacker Eichen zum ersten und bislang einzigen Nationalen Naturmonument Deutschlands gekürt worden sind, dürfte der Ansturm künftig noch zunehmen.

 

Was kümmert’s eine alte Eiche …
Monumental sind sie in der Tat, diese Bäume: Auf einer Fläche von rund 75 Hektar stehen mehr als 200 starke und alte Stieleichen, die stärkste über 35 Meter hoch, mit einem Brusthöhendurchmesser von knapp dreieinhalb Metern und einem Stammumfang von elf Metern. Das entspricht einem Holzvolumen von etwa 180 Kubikmetern. Die Grafiker von Der Herr der Ringe“ hätten dieses Urgetüm nicht skurriler zeichnen können. Sein genaues Alter lässt sich natürlich nicht direkt ermitteln, aber laut Landesforst Mecklenburg-Vorpommern, die das Areal betreut, können rund 1.000 Jahre als gesichert angenommen werden. Diese Eiche ist wohl die stärkste und älteste lebende Eiche Deutschlands.

 

| Text und Fotos: Dr. Volker Pesch |

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 04/2016.

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