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Unser grünes Herz

Wir Deutschen lieben den Wald. Mehr noch – er ist Teil unserer kulturellen Identität. HALALI-Autorin Annette Feldmann hat sich mit dem Mythos Deutscher Wald, dem „grünen Freudenort“ (wie er in einem Volkslied heißt), auseinandergesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

„ICH UND MEIN HOLZ“ (257ERS, MUSIKBAND)

Neulich fuhren wir mit unserem amerikanischen Austauschschüler über bayerische Landstraßen. Er bewunderte die majestätischen Berge, die malerischen Zwiebeltürme, die kleinen Dörfer und stellte irgendwann erstaunt fest: „Hier ist überall so viel Holz!“ Damit meinte er zum einen die beachtlichen Vorräte an Kaminholz, die ordentlich an jeder Hauswand aufgestapelt waren. Tatsächlich liegt Deutschland mit seinem Holzvorrat auf Platz drei der europäischen Länder – hinter der Schweiz und Österreich. Mit einem Gesamtvorrat von 3,7 Milliarden Kubikmeter steht im deutschen Wald sogar mehr Holz als in jedem anderen Land der Europäischen Union. Zum anderen meinte unser Austauschschüler den Wald, der während unserer Fahrt für ausgedehnte dunkelgrüne Flecken in der hügeligen Landschaft sorgte.

 

„SCHAURIG […] ENTSTELLT“ (TACITUS, RÖMISCHER GESCHICHTSSCHREIBER)

„Flecken“, das klingt so dicht, so undurchdringlich. Und das macht „den“ deutschen, ursprünglichen Wald auch aus. Bereits der römische Senator und Historiker Tacitus schrieb 98 n. Chr. in seiner „Germania“: „Die Landschaft zeigt zwar im einzelnen eine gewisse Abwechslung, ist aber im ganzen doch schaurig durch ihre Wälder oder durch Sümpfe entstellt […].“ Kein Wunder, dass der an helle, licht strukturierte mediterrane Pinien- und Zypressenhaine gewohnte Tacitus so empfand.

 

Obwohl es zwischen 500 und 850 n. Chr. eine „erste Rodungsperiode“ gab, seien um das Jahr 1000 etwa 65 Prozent des Landes mit Wald bedeckt gewesen, schreiben Peter Laufmann und Olaf Schulz in „Deutschlands Wälder“ (Frederking & Thaler, 2010). Doch überall dort, wo Menschen sich niederließen und siedelten, rodeten sie Wald, um Häuser zu bauen und Landwirtschaft zu betreiben. Heute deuten immer noch Ortsnamen, die auf „-rode“ bzw. „-rade“, „-reut“ bzw. „-reuth“, „-schlag“ oder „-wald“ enden, darauf hin, dass an diesen Stellen der dichte Wald einst weichen musste. Endungen auf „-brand“ oder „-seng“ bzw. „-schwand(t)“ weisen dabei auf Brandrodung hin.

 

„Die Erschließung ging dem Wald an die Substanz“, heißt es bei Detlev Arens („Der deutsche Wald“, Edition Fackelträger, 2016). Eine Klimaveränderung („Kleine Eiszeit“) mit kalten Wintern und verregneten Sommern sowie seuchenhaft auftretende Krankheiten, wie die Pestepidemie in Europa, kamen dem Wald ab Mitte des 14. Jahrhunderts zu Hilfe. Diese Krisen waren dafür verantwortlich, dass die Bevölkerungszahl sank und der Wald wieder Fläche zurückerobern konnte. Trotzdem blieb der Holzmangel ein Problem, und Anfang des 19. Jahrhunderts zählte Holzdiebstahl zu den häufigsten kriminellen Delikten.

 

Parallel dazu entwickelte sich ein Bewusstsein, dass Holz nachhaltig genutzt werden müsse, um den Menschen weiterhin zur Verfügung zu stehen. Als Gründer der Nachhaltigkeit gilt in diesem Zusammenhang Hans Carl von Carlowitz. Er schrieb 1713 in seiner „Sylvicultura Oeconomica“, dass es eine „Gleichheit zwischen An- und Zuwachs und dem Abtrieb des Holtzes“ geben müsse. Damit legte er den Grundstein für die moderne Forstwirtschaft.

 

| Fotos: Michael Breuer/AGE/www.premium.de | iStockphoto.com | 

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 02/2017.

 

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