Die Vögel singen nicht, die Brüllen!

Die Vögel singen nicht, die brüllen!

Man sieht sie, und vor allem hört man sie – unsere heimischen Singvögel. Manchen Menschen rauben sie mit ihrem Gesang sogar den Schlaf. Doch sie bereiten uns auch Sorgen, denn die Vogelbestände gehen insgesamt zurück. Ein Grund dafür ist der Einsatz von Pestiziden, der dafür sorgt, dass es immer weniger Insekten gibt.

Mein Mann kann nicht schlafen. Schuld daran sind die Singvögel. Sie sitzen vorzugsweise frühmorgens direkt unter unserem Dachfenster und flöten, tirilieren, pfeifen und juchzen. Sie „lärmen“, „schmettern“, „krakeelen“ und „kreischen“ – so formuliert es mein Mann. Mit seiner Einstellung, die gefiederten Gartenbewohner würden alles daran setzen, die arbeitende Bevölkerung um ihren wohlverdienten Schlaf zu bringen, steht er nicht allein da.

 

Der „Welt“-Redakteur Matthias Heine schrieb im vergangenen Juni in seinem Artikel „Das deutsche Naturvokabular ist ein Wunder der Sprache“ über den „besonderen Reichtum des Deutschen an solchen lautmalenden Wörtern“, was für Ornithologen mithin sehr praktisch ist, wenn sie den Gesang der Vögel beschreiben wollen. In dem Artikel stellt Heine auch das kürzlich erschienene Buch von Peter Krauss vor (siehe Buchtipps), in dem er sich genau mit diesem Thema auseinandersetzt. „Zilpen“, „Schlagen“, „Tixen“, „Lullen“, „Wispeln“, „Schluchzen“, „Tschilpen“ – selbst wer sich nur wenige Minuten mit Wörtern für Vogellaute beschäftigt, stellt schnell fest, dass wir im Deutschen davon tatsächlich eine ganze Menge haben. Daraus könnte man schließen, dass wir auch eine ganze Menge Singvögel haben. Leider nicht wirklich, denn: „Vor allem aber verschwinden die Vögel selbst und mit ihnen ihr Gesang“, schreibt Heine. Doch dazu später mehr.

 

Das Beste an dem Artikel, der im Internet auf www.welt.de erschienen ist, sind jedoch, wie so oft, die Kommentare darunter. So schreibt Christina K.: „Wie man darauf kommen kann, dass der Vogelgesang ausstirbt, ist mir unbegreiflich. Zuletzt war in der Hannoverschen Eilenriede sowie am Hamburger Alsterufer – beides innerstädtische Gebiete – so rasantes Vogelgezwitscher zu hören, dass es schon an Lärmbelästigung grenzt. Der Autor sollte vielleicht öfter mal vor die Tür gehen!“ Das sieht Sabine H. genauso: „Kann ich nur bestätigen. Bei uns ist spätestens um 4:00 Uhr die Nacht beendet, die Vögel singen nicht, die brüllen!“ Ich nehme stark an, dass weder Peter Krauss noch andere Vogelkundler bislang das Verb „brüllen“ verwendet haben, um die Laute heimischer Singvögel wie Rotkehlchen, Amsel, Zilpzalp oder Blaumeise zu beschreiben.

 

Doch einzelne subjektive Wahrnehmungen aus der Hannoverschen Eilenriede oder auch aus dem Kempener Reihenhausgarten ersetzen keine wissenschaftlichen Studien oder langjährigen Datenerhebungen, so wie zum Beispiel die bundesweite Aktion „Stunde der Gartenvögel“ des Naturschutzbunds Deutschland. Sie fand im vergangenen Mai zum 13. Mal statt. Der NABU und sein bayerischer Partner, der LBV, verzeichneten dabei eine Rekordbeteiligung von über 60 000 Teilnehmern, die aus exakt 40 000 Gärten ihre Vogelbeobachtungen gemeldet haben.

 

Das Ergebnis: Durchschnittlich 35,22 Vögel wurden pro Garten gezählt. Das sind 4,1 Prozent weniger als in der Aktion des Vorjahres. Ein Rückgang, der sich jedoch im Rahmen der normalen Schwankungen der Zählergebnisse bewege, heißt es beim NABU. Der „Gewinner“ der Zählung war übrigens der Haussperling, dicht gefolgt von Amsel, Kohlmeise, Star und Blaumeise. Trotzdem sei über die Jahre hinweg ein Abwärtstrend für die Amsel sowie für Grünfink und Hausrotschwanz zu verzeichnen. Eher schlecht sieht es auch für typische Vogelarten in Agrarlandschaften aus. „In den vergangenen 25 Jahren brechen dort die Bestände […] von Feldlerche, Kiebitz oder Rebhuhn regelrecht zusammen“, berichtet NABU-Vogelschutzexperte Lars Lachmann.

 

| Text: Annette Feldmann | Fotos: iStockphoto.com |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 03/2017.

 

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