Auf dem Weg zur Waldwildnis

Auf dem Weg zur Waldwildnis

In unserer Serie „Naturschutzgebiete“ stellt HALALI-Autor Burkhard Stöcker den Nationalpark Bayerischer Wald vor – den ältesten seiner Art in Deutschland. Von ihm gingen wesentliche Impulse für die Nationalpark- und Naturschutzbewegung aus, und er gilt heute als eines der ambitioniertesten Schutzgebiete in Europa.

„Morcze“, also „Kleines Meer“, nannten die Slawen den über 11 000 Hektar großen Müritzsee, heute liebevoll von den Mecklenburgern „Die Müritz“ genannt. Der größte vollständig deutsche See (der Bodensee ist internationales Gewässer) gab dem mit noch nicht einmal 30 Jahren jungen Nationalpark seinen Namen.


1931 entstand an der Müritz ein erstes kleines Naturschutzgebiet von knapp 300 Hektar. Kurz darauf kaufte der Leipziger Großverleger Kurt Herrmann aus jagdlichen Gründen die drei Rittergüter Federow, Schwarzenhof und Speck und damit praktisch das gesamte Ostufer der Müritz. Er richtete unter anderem große Jagdgatter ein, um dort Elche, Mufflons, Wapitis und andere Hirscharten zu halten. Im Jahr 1934 wurde das Naturschutzgebiet an der Müritz auf Betreiben Herrmanns nicht in das Reichsnaturschutzbuch aufgenommen. Trotz heftiger Proteste vonseiten der Naturschützer durfte zum Beispiel die Wasservogeljagd ausgeübt werden.


Nach dem Krieg wurde Herrmann, der den Nationalsozialisten sehr nahestand, enteignet und das Naturschutzgebiet „Ostufer der Müritz“ mit ca. 5 000 Hektar gegründet. Auch damals schon, um den attraktiven Naturraum vor dem Bau von Hotels und Freizeitanlagen sowie vor Eindeichungs- und Entwässerungsmaßnahmen zu bewahren.


In den 70er-Jahren wurde das größte Naturschutzgebiet der DDR Bestandteil des ca. 20 000 Hektar großen „Staatsjagdgebietes Müritz“. Hier jagte Willi Stoph, Ministerpräsident der DDR und formal der zweite Mann im Staat. Stoph agierte aber eher im Hintergrund und trat längst nicht so in Erscheinung wie beispielsweise die Kollegen Mittag oder Mielke.

Wiedervereinigung, die Geburtsstunde des Müritz-Nationalparks

Im Rahmen des Nationalparkprogramms der DDR (initiiert von einem engagierten Kreis um den damaligen stellvertretenden Umweltminister der DDR Prof. Dr. Michael Succow) wurde auch der Müritz-Nationalpark in der letzten Sitzung des Ministerrats der DDR am 16. März 1990 konstituiert. Er wurde damit zusammen mit einigen anderen Großschutz-gebieten in letzter Minute Bestandteil des Einigungsvertrags und seine Etablierung damit verbindlich rechtskräftig. Der damalige bundesdeutsche Umweltminister Klaus Töpfer sprach beim Nationalparkprogramm der DDR und den darin geschützten Landschaften vom „Tafelsilber der deutschen Einheit“.


Jagd im Müritz-Nationalpark

Die Situation rund um Jagd und Wild war kurz nach der Wende ausgesprochen bizarr. Es existierten für die Fläche des Nationalparks zwei parallel arbeitende Verwaltungen: die Forstverwaltung, die dem Landwirtschaftsministerium unterstellt war und die Hoheit in allen Fragen zu Jagd und Wild innehatte, und die Nationalparkverwaltung, die zum Umweltministerium gehörte. Zwischen den beiden Verwaltungen bestanden bezüglich des Wildtiermanagements deutliche Differenzen. Es gab Formen der Jagdausübung, die aus Sicht der Nationalparkverwaltung geradezu verheerende Folgen für das Image und die Akzeptanz des Nationalparks in der Region hatten: Zu Zeiten der Staatsjagd war der Raum unter dem Deckmäntelchen des Naturschutzes, in Wahrheit aber aus jagdlichen Gründen, für jeglichen Besucherverkehr gesperrt.


Nach der Wende waren aus Sicht des Naturschutzes Begehungsverbote für einige Räume (Kernzonen!) zum Schutz von Seeadler, Schwarzstorch, Kranich usw. vor den nun immens steigenden Besucherzahlen unumgänglich. In diesen Kern-zonen wurden jedoch kurz nach der Wende Abschüsse an „Westjäger“ verkauft. So fuhren dann Geländewagen mit Westkennzeichen in Kernzonen herum, in denen andere Besucher nicht einmal zu Fuß oder mit dem Rad hineindurften. Für den Nationalparkbesucher bzw. den Einheimischen hatte sich kaum etwas geändert: Sie alle durften die Gebiete nicht betreten, während „die oberen Zehntausend“ dort wieder jagen durften. Sowohl für den regionalen Prozess der Wiedervereinigung als auch für die Akzeptanz des jungen Nationalparks stellte dies eine echte Belastungsprobe dar. Weit über die regionale Presse hinaus wurde die Trophäenjagd im Müritz-Nationalpark damals bundesweit aufgegriffen – eine „alternative Trophäenschau“, vom Förderverein des Nationalparks organisiert, sorgte ebenfalls für immenses Aufsehen. Sie führte, zusammen mit dem Druck aus der Presse, letztendlich dazu, dass die zweifelhaften Jagdpraktiken kurz nach der Wende der Vergangenheit angehörten.

 

| Fotos: Hans Blossey/imageBROKER/www.premium.de | Ulrich Messner | Frank Seifert | Burkhard Stöcker |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 04/2017.

 

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