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Der Buchenurwald in Deutschlands Mitte

In unserer Serie „Naturschutzgebiete“ stellt HALALI-Autor Burkhard Stöcker den  Nationalpark Hainich in Thüringen vor.

Im Herzen Deutschlands liegt der „Kleine Hain“, der Hainich, ein eher unscheinbares Mittelgebirge. Wir finden hier kaum hohe Berge, sagenhafte Gestalten oder historische Schlösser. Mit einer Fläche von nur 16 000 Hektar (davon immerhin 13 000 Hektar Wald) gehört er wahrlich zu den eher kleinen Berglandschaften. In forstlich versierten Kreisen ist der Hainich jedoch geradezu berühmt: Sein prägender Baum, die Buche, wird hier schon seit vielen Jahrzehnten nach dem sogenannten Plenterprinzip bewirtschaftet. Dabei werden im-mer nur einzelne Bäume gefällt, die eine bestimmte Zielstärke erreicht haben – in der dadurch entstandenen Lichtlücke keimt wieder von selbst neuer junger Wald. Diese Plenterung führt zu sehr ungleichaltrigen und reich strukturierten Waldbildern, die sich stark von der konventionellen Buchenbewirtschaftung unterscheiden.

Bundesweit bekannt geworden ist jener „Kleine Hain“ jedoch erst, nachdem hier der erste Nationalpark Thüringens entstanden ist. Auf ungefähr 7 500 Hektar, also auf mehr als der Hälfte der Waldfläche des Hainichs, darf sich seit 1997 der Buchenwald ohne Zutun des Menschen nach seinen eigenen Vorstellungen entwickeln.

MILITÄRISCHES ERBE

Die Fläche des heutigen Nationalparks ist nahezu deckungsgleich mit den zwei ehemaligen Truppenübungsplätzen Kindel und Weberstedt. Die militärische Nutzung des Kindels begann schon 1934/35 als Panzertestgelände und wurde dann durch die Rote Armee nach 1945 fortgesetzt. Bis in die 80er-Jahre wurde der Truppenübungsplatz auf über 2 500 Hektar erweitert. Mit der Wiedervereinigung erlosch der Übungsbetrieb im Jahr 1990. Der mit etwa 5 700 Hektar deutlich größere Truppenübungsplatz Weberstedt wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg von der Roten Armee gegründet. Nach deren Abzug Anfang der 90er-Jahre wurde der Platz bis 1995 noch von der Bundeswehr genutzt.

Die dann bereits 1997/98 folgende Nationalparkgründung belegt zum wiederholten Male den hohen ökologischen Wert von militärischen Liegenschaften. Fast überall in Mitteleuropa entwickeln sich im Schatten einer militärischen Nutzung land-schaftliche Kleinode – so auch im Hainich.

DER REICHTUM EINES ALTEN MEERES

Der sogenannte Muschelkalk bildet das Grundgestein des Hainichs. Diese Gesteinsschicht wurde vor zig Millionen Jahren aus den Körpern von Muscheln und Armfüßern gebildet: Ein flaches Meer bedeckte im Zeitalter des Trias das Germanische Becken. Die Wälder des Hainichs fußen daher auf nährstoffreichem Tiergestein. Derart wüchsige Standorte werden heute meist durch die Landwirtschaft genutzt. Die Wälder des Nationalparks sind besonders artenreich und somit auch ein beliebtes forstliches Forschungsobjekt: Die natürliche Waldentwicklung auf solchen Standorten zu dokumentieren ist ein Highlight für die Ökosystemforschung.

Da der Muschelkalk ein sehr wasserdurchlässiges, lockeres Gestein ist, sickern Niederschläge in tiefere Bodenschichten. Erst am Rande des Hainichs und in tieferen Lagen treten dann Quellen an die Oberfläche. Die Fließgewässer des Hainichs führen infolgedessen meist nur im Frühjahr nach der Schneeschmelze oder nach starken Gewitterregen ausreichend Wasser – Bäche mit ganzjährigem Wasserfluss gibt es im Hainich praktisch nicht.

Fast alle Waldnationalparks unseres Landes liegen in einer mehr oder minder von Wäldern dominierten Landschaft – die Wälder der Nationalparks sind wiederum von bewirtschafteten Wäldern umgeben. Natürlich ist auch dies nicht unproblematisch (Stichwort: Borkenkäferausbreitung). Wenn aber ein Waldnationalpark an eine intensiv genutzte Agrarland-schaft angrenzt, potenzieren sich die Randprobleme. Dies ist im Hainich an über 70 Prozent seiner Außengrenzen der Fall: Intensive Agrarlandschaft grenzt an Urwald von morgen – die Ackerscholle an den zukünftigen Urwaldriesen.
Dies kann aber auch durchaus eine interessante Komponente haben: Wenn intensive Nutzung an Nullnutzung grenzt, entstehen hier unter Umständen auch sehr eigene Nahrungsnetze und Lebensgemeinschaften. Man darf gespannt sein, wie sich dieses Nachbarschaftsverhältnis auf die Natur des Hainichs und seines Umfelds auswirken wird.

Viele heimische Buchenwälder bestehen zuerst einmal wirklich nur aus Buchen – mit Reinbeständen mit nur einer Baumart lässt sich wirtschaftlich einfacher umgehen. Aber auch natürliche Buchenwälder, wie wir sie beispielsweise noch aus den Karpaten kennen, sind eher baumartenarm. Und während der Vegetationszeit sind geschlossene Buchenwälder oft schattig und dunkel – fast wirken sie lebensfeindlich. Und für große Pflanzenfresser sind sie dies zum Teil auch.

Der begnadete Waldökologe Dr. Wolfgang Scherzinger bezeichnete den Buchenwald einmal als „des Wildes Feind“. Das ist durchaus treffend charakterisiert, denn bodennahe Äsung ist im schattigen Buchenwald in der Tat Mangelware. Die alle paar Jahre auftretenden Mastjahre ändern daran nur wenig. Doch im Frühjahr, wenn die erstarkende Sonne das noch unbeschattete Erdreich rasch erwärmt, bedecken farbenfrohe Blütenteppiche weithin die Waldböden. Als Erstes blühen die Märzenbecher (nomen est omen), rasch gefolgt von den herrlich blauen Leberblümchen: Sie verdanken ihren Namen der Form ihrer Blätter. Im April folgen dann die oft flächigen Blütenteppiche von Weißem und Gelbem Buschwindröschen, Hohlem Lerchensporn und der Schlüsselblume. Etwa Mitte Mai schließlich lässt der Bärlauch mit seinen sternförmigen weißen Blüten den Reigen der Frühblüher ausklingen. Besonders nach der Bärlauchblüte sind die Wälder des Hainichs erfüllt vom (sehr angenehmen!) Duft dieses Knoblauchverwandten.

All diese Frühlingsblüher speichern ihre Nährstoffe in recht großen zwiebel- oder knollenartigen Wurzeln. Diese liegen ganz knapp unter der Erdoberfläche und können ihre Nährstoffe schon bei sehr geringem Lichteinfall mobilisieren. Es gibt nur wenige Buchenwälder in Deutschland, in denen der Frühling, nach der Tristesse des Winters, ein so rauschendes Blumen- und Blütenfest feiert wie im Hainich. Fast betäubt läuft man im April und Mai durch den Hainich-Frühling und kann sich an dem üppigen Blumenflor kaum sattsehen. Die so mannigfaltigen und artenreichen Blüten der Frühblüher sind auch die ersten nachwinterlichen Nektarstationen für viele Insekten, aber nicht nur das: Sie sind ebenso erste Nasch- zentren beispielsweise für unsere heimischen Rehe. Vor allem die zarten Blätter der überall keimenden Buschwindröschen liefern erste eiweißreiche Äsung.

 

| Fotos: www.thomas-stephan.com | Sven-Erik Arndt |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 02/2018.

 

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