nettis naturkinder 2

Glücksstunden für Fatma und Ihre Freunde

Die Jägerin Annette von Karp schenkt mit ihrem Projekt „Nettis Naturkinder“ Hamburger Kindergarten-Kids glückliche Stunden in Wald und Feld und ermöglicht Stadtkindern mit Migrationshintergrund damit eine erste, nachhaltig wirkende Begegnung mit unserer Natur. HALALI-Redakteur Oliver Dorn begleitete sie einen Tag lang ins mecklenburgische Schildfeld.

Es ist ein sonniger Mittwochmorgen. Annette von Karp und Annelie Asche stehen auf dem Hof des Forstamtes Schildfeld und warten auf den Kleinbus, der an diesem Tag 13 Kinder und zwei Erzieherinnen aus einer Hamburger Kindertagesstätte in den Landkreis Ludwigslust-Parchim bringen wird. Die Kinder waren bereits mehrfach hier seit dem Frühjahr. Annette schildert mir den Tagesablauf, der akkurat durchgeplant ist. Die Kinder sollen heute etwas zu Jagd, Tradition und über das Lebensmittel Wild lernen. Ich bin vor allem gespannt, wie die Kids, die überwiegend erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen sind, auf das am Vorabend erlegte und jetzt zur Strecke gelegte Wild reagieren werden.

Der Bus fährt auf den Hof des Forstamtes, die Türen gehen auf, und 13 kunterbunte Knirpse springen hinaus in die Sonne. Sie umringen sogleich Annette, die sie auf Augenhöhe begrüßt. Wer jetzt allerdings ein wildes Durcheinander erwartet, liegt falsch, denn die Hamburgerin hat die Truppe gut im Griff.

Bereits fünf Minuten später stehen die Kinder ruhig vor der Strecke. Zwei ansässige Jäger untermalen diesen Moment eindrucksvoll, indem sie die Strecke verblasen. Anschließend erklärt Annette in kindgerechter Sprache das Geschehen und was genau ihnen da zu Füßen liegt.

Die Kinder dürfen jetzt das Wild berühren und Fragen stellen. Ohne Scheu knien sie neben den Wildtieren und fassen Wurf, Lauscher und die offenen Wildkörper von Sau und Rehbock an. Die Jägerin fragt bereits Erlerntes ab: „Wie heißt die Nase in der Jägersprache?“ „Wurf“, antwortet die kleine Fatima sofort. „Was machen wir mit den Tieren?“ „Begraben“, erwidert ein kleiner Junge im SpongeBob-Outfit. Fröhliches Kinderlachen erklingt. „Nein, wir essen die Tiere, und nachher werden wir Wildburger vom Reh probieren“, schlägt Annette vor. Wildes „Juhu!“ folgt. „Aber bevor wir die Kohle für den Grill anschüren, lernen wir noch Jagdhunde und Jagdhörner kennen.“

Heute ist Annettes Labradorhündin Mimi nicht dabei, dafür sind Annelie Asches Rauhaarteckel Tatzel und die Alpenländische Dachsbracke eines der beiden Jagdhornbläser die vierbeinigen Highlights dieses Ausflugs. Annette und Annelie erzählen den Kindern, dass Jäger Hunde ausbilden, die bei der Jagd verschiedene Aufgaben erfüllen. Die Kinder dürfen die Hunde an der Leine führen und sie streicheln. Vor allem Tatzel findet das ausgezeichnet. Dann geht es gemeinsam mit den Hunden zur nächsten Station. Der zweite Jäger hat verschiedene Jagdhörner mitgebracht und erläutert den Sinn der Instrumente für die Jagd. Bei Annette von Karp heißt es: „Schau zu und mach mit!“, und so locken erst zaghafte, dann immer deutlichere Töne die Mitarbeiter des Forstamtes aus ihren Büros. Aber es geht nicht nur darum, den Hörnern Töne zu entlocken und mächtig Trara zu machen, sondern vor allem darum, Erfolgsmomente zu produzieren und die Selbstsicherheit der Kids zu fördern. Als der versierte Jäger kurze Tonfolgen vorspielt und einige der Kleinen diese tatsächlich mit ihren Instrumenten nachspielen können, ist bereits ein erster Schritt gemacht.

Auf diese Weise vergehen die ersten anderthalb Stunden äußerst unterhaltsam und lehrreich für die Kids, bis schließlich die Korona samt Hunden und Erzieherinnen aufbricht, um gemütlich zum Grillplatz zu schlendern. Annette hat dabei an jedem Finger ein Kind bzw. rein rechnerisch an einigen sogar zwei. Nach einer kurzen Erfrischung kommt die Dachsbracke zum Einsatz. Eine Fährte wurde durch den anliegenden Wald gelegt, und die Kinder folgen der erfahrenen Hundenase querfeldein bis zur Beute. Wildes Geklatsche und fröhliche Bravorufe folgen, als die Bracke die Rehdecke im Laub findet. Wie das gehe, wollen die Kinder wissen, und schon wird ihnen alles zum überragenden Geruchssinn des Jagdhelfers erklärt. Auch, dass Hunde noch viele andere wertvolle Aufgaben erfüllen können, wie beispielsweise verirrte Menschen finden oder Blinde führen. Und vor allem, dass der Hundebesitzer bzw. -führer seinen vierbeinigen Partner stets mit viel Geduld und Liebe ausbilden muss. Die Kids lauschen andächtig den Ausführungen des Jägers.

Ich erkenne im Laufe des Tages immer deutlicher, dass die Kinder, die aus so unterschiedlichen Kulturen stammen und so verschiedene Hintergründe haben, den Tag als Geschenk wahrnehmen. Keines sondert sich ab oder stört gelangweilt die Abläufe. Eine der Erzieherinnen bestätigt mir später, dass die Kleinen mit jedem dieser Glückstage an Selbstsicherheit gewinnen, denn sie erleben nicht nur Momente in der Natur, sondern dürfen selbst mit anfassen, um Schönes, Köstliches oder Wichtiges zu schaffen. Und etwas Schönes und Nützliches ist jetzt an der Reihe, denn das bereits vor einigen Wochen von den Kindern gebaute Waldsofa muss aufgepeppt werden. Selbstständiges Arbeiten ist angesagt, und die Kids sammeln Äste und Zweige sowie Laub, um die Sitzfläche, die ich gemeinsam mit Annette und den kleinen Bauherren testen darf, zu vergrößern.

 

| FOTOS: OLIVER DORN |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 03/2018.

 

  • nettis_naturkinder_1
  • nettis_naturkinder_10
  • nettis_naturkinder_11
  • nettis_naturkinder_12
  • nettis_naturkinder_13
  • nettis_naturkinder_14
  • nettis_naturkinder_2
  • nettis_naturkinder_3
  • nettis_naturkinder_4
  • nettis_naturkinder_5
  • nettis_naturkinder_6
  • nettis_naturkinder_7
  • nettis_naturkinder_8
  • nettis_naturkinder_9

Simple Image Gallery Extended