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Die kleine Alchemistin

Der Frauenmantel ist als Zierpflanze in heimischen Gärten ein beliebter Bodendecker. Als Heilpflanze findet er seit dem Mittelalter vor allem bei sogenannten Frauenbeschwerden Anwendung.

In unserem Vorgarten sahen die fünf frisch gesetzten Frauenmantel-Pflanzen zunächst ein bisschen einsam, ja fast mickrig aus. Das hat sich mittlerweile geändert – ein dichtergrüner Teppich bedeckt jetzt unsere Beete. Und nach Regengüssenperlen die Wassertropfen malerisch auf den großen, breit gefächerten Laubblättern ab. Die pittoreske Fähigkeit, Tropfen „festzuhalten“, bescherte dem Frauenmantel seinen anderen Namen – „Sinau“ beziehungsweise „Sinnau“. Die Bezeichnung stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet so viel wie „Immertau“.

Weitere regionale Namen sind Gänselgrün, Mäntli, Regendächle, Taufänger, Weiberkittel, Milch- oder Marienkraut, Haidl, Neunlappenkraut oder auch Wundwurz. Das Wort „Frauenmantel“ bezieht sich auf das Aussehen der Blätter. Sie ähneln angeblich dem Mantel der Mutter Gottes, der auf den Mariendarstellungen des Mittelalters zu sehen ist. Die lateinische Bezeichnung Alchemilla bedeutet „kleine Alchemistin“ und geht darauf zurück, dass Alchemisten im 15. Jahrhundert damit begannen, die Guttationstropfen (Wasser, das die Pflanze in Tropfenform abgibt, um den Nährstofftransport aus den Wurzeln trotz Wassersättigung zu gewährleisten) für ihre Experimente zu verwenden, um daraus künstlich Gold herzustellen. Außerdem teilt sich der Frauenmantel zusammen mit vielen anderen Pflanzen den Ruf, dass er gegen Gewitter und Blitzschlag schützt, wenn aus ihm gewundene Kränze an Fenstern, Türen oder Dachfirsten hängen. Daher auch der Name Gewittergras.

Bereits vor knapp 2 000 Jahren wurde der Frauenmantel von Naturkundlern und Gelehrten zur äußerlichen Anwendung empfohlen, um Geschwülste zu behandeln oder ins Gewebe eingedrungene Gegenstände herauszuziehen. Und als Liebeszauber diente er – natürlich – auch. In der Volksmedizin des Mittelalters setzten die Menschen die Pflanze vor allem bei sogenannten Frauenleiden ein, so zum Beispiel bei Wechseljahr- und Menstruationsbeschwerden. Ein aus Frauenmantel zubereiteter Heiltee soll entkrampfend wirken und zudem nach der Geburt die Milchbildung fördern.

Frauen, die mit ihrem Alter hadern, sollten ebenfalls zu Alchemilla vulgaris greifen. Im Volksglauben wurde dem Frauenmantel nämlich eine verjüngende Wirkung zugeschrieben. Das hängt wahrscheinlich mit jener Eigenschaft der Pflanze zusammen, aktiv Wasser abgeben zu können – es handelt sich dabei um die bereits zuvor erwähnten Guttationstropfen. Bei hoher Luftfeuchtigkeit sondern die Blätter über Nacht kleine Wassertropfen ab. Diese wurden früher gesammelt, weil man ihnen Zauberkräfte nachsagte.

 

| Fotos: iStockphoto.com |

 

 

Den gesamten Artikel finden Sie in der Ausgabe 04/2018.

 

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