Wie bei Muttern!

| Text: Gabriele Metz |

Echte Kamille ist ein tolles Kraut: 1987 zur ersten Arzneipflanze des Jahres gekürt, blickt sie auf eine bis ins Alte Ägypten reichende Heiltradition zurück. Ob Magenschmerzen, Nervenflattern oder Wunden – stets ist die Kamille am Start, lindert Beschwerden und trägt auch noch zu makelloser Schönheit bei.

Irgendwie hat sie etwas Mütterliches. Sie ist da und hilft, wenn man sie braucht. Echte Kamille ist ein Tausendsassa, ein ausgemachter Allrounder, wenn es um Zipperlein geht. Die Nerven liegen blank, weil alles mal wieder drunter und drüber geht? Einfach einen Teelöffel Kamille in eine Tasse geben und mit kochendem Wasser übergießen, zwei bis drei Minuten ziehen lassen – fertig ist das Anti-Stress-Getränk, das übrigens auch sanft dabei hilft, in einen erholsamen Schlaf zu finden. Der Magen grummelt und zieht sich schmerzhaft zusammen? Höchste Zeit für einen ungesüßten Kamillentee. Ab-gekühlt eignet sich das Ganze zum Gurgeln, um Entzündungen im Mund-Rachen-Raum zu lindern. Und als Wickel oder Umschlag hilft Kamille bei Wunden und Entzündungen der Haut. In der Erkäl-tungszeit sind Kamille-Inhalationen, die trockene Schleimhäute befeuchten und für besseres Durchat-men bei Schnupfen und Husten sorgen, ideal. Selbst aus dem Beauty-Bereich ist die vielseitige Heil-pflanze nicht wegzudenken: Als Badezusatz verströmt sie Wohlbefinden, als Seife verwöhnt sie stra-pazierte Haut, und wenn man eine Handvoll Kamilleblüten mit heißem Wasser aufgießt, fünf Minuten ziehen lässt und durch ein Sieb schüttet, entsteht eine glamouröse Haarglanz-Spülung.

So viel Talent bleibt natürlich nicht verborgen: Satte 500 Tonnen Kamille bereichern in Deutschland jährlich die Arzneimittelherstellung. Wen verwundert es da, dass man das kraftvolle Kraut 1987 – als erste Pflanze überhaupt – zur Arzneipflanze des Jahres krönte? Die Bewunderung der Kamille hat allerdings durchaus eine lange Tradition: Die alten Ägypter verehrten sie als Blume des Sonnengottes. Schon im ersten Jahrhundert nach Christus lobte der griechische Arzt Dioskurides den Allrounder als Heilmittel zum Harn- und Steintreiben, gegen Blähungen und bei Leberleiden. Der apfelartige Geruch aller Pflanzenteile der Matricaria chamomilla schlägt sich sogar in der griechischen Sprache nieder: Da bedeutet „chamaimelon“ so viel wie Erdapfel. Wobei Matricaria (abgeleitet von lat. „Matrix“, dt. Ge-bärmutter, was den volkstümlichen Namen „Mutterkraut“ erklärt) auf den früheren Einsatz der Kamil-le bei Menstruations- und Schwangerschaftsbeschwerden hinweist. Im Mittelalter findet sich die Ech-te Kamille in den Herbarien der Klöster und kommt als heilendes Kraut zum Einsatz. Man bepflanzt Gehwege in Gärten mit Kamille, die – kurz gesenst – ein herrlich weicher Untergrund für komfor-tables Wandeln sind. Damit nicht genug: Die Bauern spicken ihre Heuballen mit Kamille, um Ungezie-fer fernzuhalten. Insgesamt also ein „gutes Kraut“, das traditionell anlässlich des Johannistags (24. Juni) – als Strauß verschenkt – Unglück fernhalten soll.

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