Neues zum Schwarzwild

| Text: Dr. Johanna Maria Arnold |

Wildschweine (Sus scrofa) gehören zu den anpassungsfähigsten und erfolgreichsten Wildtieren weltweit. In den letzten Jahren haben diese Tiere nicht nur in der Forschung, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung und im Wildtiermanagement zunehmend Aufmerksamkeit erlangt. Besonders das Anwachsen ihrer Populationen und die zunehmenden Konflikte mit Menschen stehen im Fokus; hervorzuheben ist hier die Afrikanische Schweinepest (ASP), deren Ausbreitung das Zusammenleben von Wildschwein und Mensch problematisiert hat und das Wildtiermanagement auf eine harte Probe stellt. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Forschung und die Herausforderungen, die mit der zunehmenden Verbreitung der Wildschweine verbunden sind – mit speziellem Fokus auf die ASP.

Populationsdynamik und Lebensräume

Die Wildschweinpopulationen in Europa haben in den letzten Jahrzehnten einen bemerkenswerten Anstieg erfahren. Ein erster Anstieg war bereits in den 1960er- bis 1970er-Jahren zu verzeichnen, doch seit den 1990er-Jahren wächst die Zahl der Wildschweine mit rasanter Geschwindigkeit weiter (Massei et al. 2015). Typisch für den Verlauf der Populationsentwicklung sind auch teils starke jährliche Schwankungen. Diese Tiere, die ursprünglich aus Südostasien stammen, haben sich mit der Zeit weit über ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet hinaus ausgedehnt. Ihr natürlicher Lebensraum umfasst eine Vielzahl von Ökosystemen, darunter Wälder, Sümpfe, alpine Wiesen und sogar aride Gebirgsländer (Sjarmidi & Gerard 1988). Der bemerkenswerte Erfolg dieser Tiere beruht auf einer Kombination aus hoher Fortpflanzungsrate, Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Lebensräume und ihrer Fähigkeit, sich in menschlichen Siedlungsgebieten zurechtzufinden. Das Wildschwein hat sich von einem typischen Waldbewohner hin zu einem wahren Generalisten entwickelt, der nun auch städtische Gebiete zunehmend besiedelt. Wiederaufforstungen, reiche Mastjahre, reichlich Feldfrüchte und günstige Klimabedingungen, vor allem aber milde Winter und mancherorts die Fütterung von Wildschweinen sowie das Erschließen neuer Nahrungsquellen wie etwa im urbanen Raum beförderten das Anwachsen der Bestände (Massei et al. 2015, Vetter et al. 2015, Gethöffer et al. 2023, Colomer et al. 2024). Die Studie von Massei und Kollegen (2015) untersuchte die Jagdstatistiken aus 18 europäischen Ländern von 1982 bis 2012. Die Ergebnisse zeigten den Anstieg, aber auch, dass die Zahl der Jäger in den meisten Ländern stabil geblieben oder sogar gesunken war. Die Autoren stellten in der Studie zur Diskussion, ob die reguläre Jagd ausreiche, um das Populationswachstum zu begrenzen, da der relative Einfluss der Jagd auf die Mortalität der Wildschweine über den Zeitraum abgenommen hat. Sie empfehlen, interdisziplinäre Wildtiermanagementmaßnahmen zu implementieren, um Konflikten vorzubeugen bzw. diese zu verringern. In einer neuen Studie, die von Bartos und Kollegen im Jahr 2025 veröffentlicht wurde, wird sogar argumentiert, dass eine intensive Bejagung paradoxerweise das Populationswachstum verstärken kann, sie sprechen von einem Wild Boar Paradox. Die Wissenschaftler analysierten die Jagddaten von 77 Revieren in der Tschechischen Republik über 27 Jagdjahre (1993–2019). Die Studie ging davon aus, dass intensive Jagd die Sozialstruktur stört, wodurch die Reproduktion jüngerer, untergeordneter weiblicher Wildschweine weniger unterdrückt wird, was die Gesamtfortpflanzungskapazität erhöht. Die Wissenschaftler analysierten u. a. die Veränderung des Jagddrucks – also die prozentuale Veränderung der erlegten Wildschweine von einem Jahr zum nächsten. Die Ergebnisse zeigten: Die Veränderung des Jagddrucks stieg mit der zunehmenden Gesamtzahl der erlegten Wildschweine. Ein höherer Anteil erlegter Bachen innerhalb der Gesamtstrecke führte dagegen zu einer Abnahme der Veränderung des Jagddrucks. Die Interaktionen zwischen dem Anteil der erlegten Bachen und der Gesamtstrecke zeigen diesen gegensätzlichen Trend deutlich. Das Fazit: Intensive Jagd kann die Populationsdynamik der Wildschweine gegenläufig beeinflussen, indem sie soziale Strukturen stört und die Fortpflanzungskapazität erhöht, insbesondere dann, wenn überwiegend männliche Tiere erlegt werden.

Die Ausbreitung der Wildschweine beschränkt sich nicht mehr nur auf ländliche Regionen. In vielen europäischen Städten, von Berlin über Rom bis hin nach Barcelona, sind Wildschweine mittlerweile regelmäßig anzutreffen (Rekiel et al. 2025). Die hohe Flexibilität der Wildschweine in Bezug auf Lebensräume ist ein entscheidender Faktor für ihren Erfolg, da sie sowohl in der Wildnis als auch in städtischen Gebieten zurechtkommen. Wildschweine haben auch ihre Aktivitätsmuster an die menschliche Präsenz, insbesondere an die Bejagung, angepasst. Wildschweine sind überwiegend nachtaktiv, mit einem Aktivitätsschwerpunkt rund um Mitternacht. In Jagdverzichts- oder jagdreduzierten Gebieten zeigten sie jedoch in Studien mit GPS-telemetrierten Wildschweinen vermehrt Tagesaktivität. Große, störungsarme Gebiete fördern die Tagesaktivität stärker als kleinere Gebiete mit mittlerer Störung. Hohe Temperaturen und Waldgebiete verringerten in dieser Studie die Aktivitätswahrscheinlichkeit, während die Nähe zu Forst- oder Landwirtschaftswegen die Aktivität erhöhte (Johann et al. 2020).

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