Leben und leben lassen

Noch immer dreht sich das Corona-Karussell. Mancherorts langsamer, mancherorts wieder schneller. Ursächlich für die unvollständige Eindämmung des Erregers sind vielfach das Fehlverhalten und die Achtlosigkeit Einzelner. Und natürlich steigt auch die Statistik der Infizierten (oft ohne Symptome), je weiter die Tests ausgedehnt werden.

Nicht zuletzt waren und sind es Globalisierung und Zentralisierung, die dem Virus Vorschub leisteten. Auch die Fleischindustrie ist davon betroffen.

„Geiz ist geil!“ ist dazu der Slogan, der schon vor Jahren eine Ära des Werteverfalls und der Geringschätzung von Arbeitsleistung einläutete. „Zahle weniger, verlange mehr!“ lautet die Maxime. Heute mehr denn je. Den Verbrauchern gefällt’s: Alles ist jederzeit und im Überfluss verfügbar, und das für kleines Geld.

Aber wer zahlt am Ende die Zeche? Die Steuerzahler und ganze Volkswirtschaften. Denn rieselt nur ein Körnchen, oder in diesem Fall ein winziger Virus, ins Getriebe, knirscht es gewaltig. Es offenbart sich ein komplexes Konstrukt aus Abhängigkeiten, Subventionierung und Ausbeutung. Und alles zugunsten niedriger Herstellungskosten und billig verramschter Waren.

Noch vor Wochen klagten wir Jäger über den eingebrochenen Wildbret-Absatzmarkt durch die zwangsgeschlossene Gastronomie. Nun stehen große Schlacht- und Zerlegebetriebe still, weil die Arbeitsbedingungen dort zur massenhaften Verbreitung des Virus geführt hatten. Mit betroffen ist auch die gesamte Kette vom Tierzüchter bis zum endgültigen Verarbeiter und sogar bis zum Discounter, dem die Ware letztlich fehlt. Und wieder wird der Ruf nach Entschleunigung laut. Vor allem die Debatte über den Wert von Lebensmitteln aus der Land- und Viehwirtschaft muss neu geführt werden, bevor man um hygienerechtliche Lockerungen ringt, die auch kleineren Betrieben das Schlachten und Verarbeiten von Fleischprodukten aus der Massentierhaltung wieder wirtschaftlich ermöglichen.

Wir Jägerinnen und Jäger wissen um den Wert des Nahrungsmittels Fleisch. Kaum ein anderer kennt die arbeitsreiche Wertschöpfungskette vom erlegten Wild im Revier bis zur vakuumierten Portion Hackfleisch besser als der Jäger. Deswegen ist es keineswegs „geil“, Fleisch oder andere Lebensmittel tierischen Ursprungs zu Ramschpreisen einzukaufen wie etwa die in China produzierte Klobürste im Ein-Euro-Shop.

Es ist schlichtweg unfair und verantwortungslos, Lebewesen, die uns Menschen mit Nahrung versorgen, derart zu entwürdigen. Die schnöde Behandlung von Nutztieren rückt erneut das natürlich „nachwachsende“ Wildbret in den Fokus der Aufmerksamkeit vieler Teile unserer Gesellschaft. Es gilt, unser wertvolles und wertgeschätztes Wildfleisch durch einen fairen Wildhandel und intelligente Vertriebslösungen frisch und regional in noch mehr Haushalte zu bringen.

Das breite Themenspektrum dieser Ausgabe, die wir coronabedingt unter teils ziemlich herausfordernden Bedingungen erstellt haben, umfasst wie immer wildbiologische Expertisen, spannende Reisen und Porträts, meisterhafte Handwerkskunst und echte jagdliche Praxis. Begleiten Sie unsere Autoren in Russlands schroffe Natur, in Österreichs feinste Manufakturen sowie in Deutschlands Felder und Wälder. Ein ganz persönliches Anliegen war es mir, das vielschichtige Verhältnis der amerikanischen Ureinwohner – der indianischen Stämme – zur Natur und zu deren Nutzung zu beleuchten. Passend dazu schildert ein erfahrener Jäger rückblickend seine ersten Schritte in der Natur.
Liebe Leserinnen und Leser, wir leben in bewegten Zeiten. Wir alle haben die Möglichkeit, sie lebenswert zu gestalten. Für unsere Umwelt, unsere Kinder und für uns selbst.

Ihr

Oliver Dorn | Chefredakteur

Hier finden Sie das Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe.

Vorschau

Die nächste HALALI erscheint am 29.10.2020.

Das Jagdjahr ist überschattet von der Corona-Krise. Auch unsere Industrie ist getroffen – teilweise, wenn wir allein an die Jagdreisen denken, schwer. So konnten zum Beispiel keine aufwendigen Reisen an ferne Ziele stattfinden und daraus spannende Reportagen entstehen. Die vierte Ausgabe des Jahres nimmt Sie, verehrte Leserinnen und Leser, daher mit ins heimische Allgäu, auf eine Bergjagd in einem geschichtsträchtigen Revier. Unsere Wildbiologen haben sich mit der für unsere Wildtiere und damit die Jagd so lebenswichtigen Biodiversität befasst. Der Lockdown im Frühjahr hat uns alle ein neues Verständnis von Zeit gelehrt. Die spielt bei einem Büchsenmacher aus dem Badischen natürlich keine Rolle – gut Ding braucht seine Zeit. Auch für die Ausbildung unserer Jagdhunde bringen wir viel Zeit auf. Die Deutsche Bracke, diesmal im Rasseporträt, steht seit dem 7. Jahrhundert für spurlaut jagende Hunde. Diese und viele andere Themen erwarten Sie in der letzten Ausgabe dieses Jahres. Seien Sie gespannt – und bleiben Sie vor allem gesund!

Interessiert?

Bestellen Sie jetzt die aktuelle Ausgabe in unserem Online-Shop.