Bärenboom – eine Jägergeschichte aus den Karpaten

| Text: Jonas Nørregaard |

Seit dem im Jahr 2016 in Rumänien erlassenen Jagdverbot sind in diesem Land die Bärenbestände kontinuierlich gewachsen. Inzwischen wurde eine Quote für den Abschuss von Bären festgelegt. Ich habe einen glücklichen Jäger mit einer der wenigen begehrten Lizenzen begleitet, um die Jagd mitzuerleben und mehr über den Konflikt zwischen Bären und Menschen zu erfahren.

Die Bärenjagd in Rumänien wurde im Jahr 2016 verboten. Zwischen 2016 und 2023 kam es zu über 200 Bärenangriffen, bei denen 20 Menschen ums Leben kamen und 158 schwer verletzt wurden. Allein im Jahr 2023 starben drei Menschen durch Bärenangriffe. Im Jahr 2024 hat die rumänische Regierung schließlich beschlossen, die Jagd auf eine begrenzte Anzahl von Bären wieder zu erlauben.Naturschutzorganisationen wie der WWF warnen, dass die Wiederaufnahme der Bärenjagd das Problem nicht lösen werde. Doch was ist richtig und was falsch? Diese Frage ließ mich nicht los. Ich wurde neugierig und reiste im November 2024 gemeinsam mit einem guten Freund in die Karpaten im Südosten Rumäniens, um ihn bei seinem Traum von der Jagd auf einen Europäischen Braunbären zu begleiten und um zu verstehen, was hinter dem Konflikt zwischen Mensch und Bär tatsächlich steckt. Vielleicht, so hoffte ich, würde ich dabei auch selbst eines dieser imposanten Tiere in freier, unberührter Wildnis erleben können.

Ankunft im Reich der Bären

Wir verlassen die holprige Asphaltstraße und nähern uns einem kleinen, grauen und unscheinbaren Dorf. Von dort aus führt uns der Weg auf einer etwa 16 Kilometer langen Serpentinenstraße bergauf – Haarnadelkurve um Haarnadelkurve – durch eine eindrucksvolle Waldlandschaft, geprägt von altem Buchenbestand, vereinzelten Eichen, Birken und dunklen Nadelbäumen. Schluchten, Bäche und Wasserfälle säumen den Weg, bis wir schließlich das Ende der Straße erreichen. Hier steht eine kleine, gemütliche Waldhütte, die unser Zuhause für die kommende Woche sein wird.

Rumänien ist bekannt für seine Bürokratie, und so beginnt unsere Jagdreise mit einem Stapel Papiere, die sorgfältig abgestempelt und gegengezeichnet werden müssen – ganz so, wie es in osteuropäischen Jagdgebieten üblich ist. Schon während des Mittagessens komme ich mit den Jagdführern ins Gespräch. Sie erzählen mir, dass sie für ihr 15 000 Hektar großes Revier nur eine einzige Lizenz für einen Bären erhalten haben – jene, die mein Freund ergattern konnte.

Die Jagd soll als Pirschjagd stattfinden oder, aus Sicherheitsgründen, vom Hochsitz aus, falls es während der Jagd dunkel werden würde. Neu für uns beide war eine Regelung, die die rumänische Regierung eingeführt hat: Nur Bären mit einer Trophäenbewertung von bis zu 400 CIC-Punkten dürfen erlegt werden – um übermäßige Trophäenjagd zu verhindern. Das Problem: Keiner der Jagdführer wusste genau, wie man die Größe eines Bären im Feld zuverlässig auf diese Punktzahl einschätzen sollte. Selbst ein staatlich angestellter Jagdaufseher konnte ihnen keine klaren Richtlinien geben. Eine seltsame Vorschrift, wie sich im weiteren Verlauf der Jagd noch zeigen sollte.

Auf der Pirsch

Von der Waldhütte aus starten wir direkt in unser Abenteuer. Der Waldboden ist von abgefallenen Blättern bedeckt und verwandelt sich unter unseren Schritten in eine knirschende, laute Oberfläche – denkbar ungeeignet zum Pirschen. Also folgen wir schmalen Waldwegen und Pfaden, halten häufig an und nutzen Ausblicke und Schneisen, um ein waches Auge auf das Gelände zu haben.

Immer wieder stoßen wir auf frische Bärenspuren oder sehen Trittsiegel von Wölfen, Wildkatzen, Luchsen, Rehen und Rotwild. Bärenspuren sind allgegenwärtig. Wir befinden uns zweifellos im Reich der Bären, doch in Anblick kommt keiner.

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