Frühlingsbotin
| Text: Ilka Dorn |
Sie galt einst als Schutzpflanze gegen böse Geister, sorgte für betäubende Rauscherlebnisse und diente Hirten als drastisches Brechmittel für ihr Vieh: Die Stinkende Nieswurz ist eine faszinierende Erscheinung mit düsterem Ruf. Und zugleich eine der frühesten Blüherinnen im Jahr!
Mit ihren grünlichen, glockenförmigen Blüten und dem markanten Geruch ist die Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus) ein echter Sonderling unter den heimischen Frühblühern. Während Schneeglöckchen und Winterlinge im Januar gerade mal schüchtern ihre Köpfe recken, trotzt die robuste Staude bereits Schnee und Frost. Ihr herber Duft, der ihr den wenig schmeichelhaften Namen eingebracht hat, soll Fressfeinde abschrecken. Wer ihn erträgt, wird mit einer grazilen, immergrünen Schönheit belohnt, die besonders in winterlichen Gärten für Farbe sorgt.
Die in Süd- und Westeuropa heimische Pflanze liebt kalkhaltige, humose Böden und gedeiht bevorzugt an halbschattigen Standorten, etwa am Rand lichter Wälder, in Gebüschen oder an Feldfluren. Dort erreicht sie eine Höhe von bis zu 50 Zentimetern. Charakteristisch sind die tief eingeschnittenen dunkelgrünen Blätter, die selbst im Winter frisch bleiben. Zwischen ihnen erscheinen die nickenden, glockenförmigen Blüten mit rötlich überhauchten Rändern – ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Frühling naht.
Trotz ihres zarten Aussehens ist die Stinkende Nieswurz eine überaus widerstandsfähige Pflanze. Sie trotzt Schnee, Wind und sogar Wildverbiss. Doch ihre innere Stärke hat ihren Preis: Alle Pflanzenteile enthalten giftige Stoffe wie Helleborin und Saponine, die beim Menschen Erbrechen, Schwindel oder Herzrhythmusstörungen auslösen können. Früher nutzte man diese Wirkung durchaus gezielt, wie etwa zur Herstellung von Brechmitteln oder zur angeblichen „Teufelsaustreibung“.
Schon in der Antike galt die Stinkende Nieswurz als mächtige Heilpflanze. Hippokrates setzte sie gegen Geisteskrankheiten ein, und im Mittelalter empfahl man sie als Mittel gegen Melancholie und „böses Blut“. Der Name „Nieswurz“ verweist auf ihre früher gebräuchlichen Verwandten, deren pulverisierte Wurzeln heftiges Niesen auslösten. Ein Vorgang, der die „schlechten Säfte“ vertreiben sollte. Die Stinkende Nieswurz selbst reizt zwar die Nase nicht zum Niesen, doch ihre Giftigkeit machte sie zu einer Pflanze, die man mit Vorsicht behandelte – und mit Ehrfurcht.