Wenn die Nacht verschwindet – Lichtverschmutzung
| Text: Ilka Dorn |
Die Nacht ist keineswegs der dunkle Gegenpart zum Tag, sondern ein gleichwertiger Teil des Lebensrhythmus auf unserem Planeten. Doch wo früher das natürliche Licht von Sternen und Mond am nächtlichen Himmel Mensch und Tier Orientierung bot, herrscht heute des Nachts vielfach künstliche Helligkeit. Das Licht von Straßenlaternen, Schaufenstern, Reklametafeln und Wohnhäusern macht aus der Nacht ein künstliches Zwielicht – mit weitreichenden Konsequenzen für Tiere, Pflanzen und letztlich auch für uns Menschen. Dieser Artikel beleuchtet die ökologische Dimension der Lichtverschmutzung, ihre Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt sowie mögliche Wege, die Dunkelheit zurückzuholen.
Was bedeutet Lichtverschmutzung?
Lichtverschmutzung beschreibt die künstliche Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen. Ursprünglich sollte künstliches Licht vor allem der Sicherheit und Orientierung dienen: Straßenlampen, Häfen, Flughäfen, Industrieanlagen und Wohngebiete wurden erleuchtet. Heute aber sprechen Forscher von schädlichen Lichtimmissionen. Vor allem Ballungsräume strahlen bis in die Atmosphäre, sodass der Nachthimmel selbst Hunderte Kilometer entfernt erhellt ist. Das Problem ist dabei nicht nur das „Zuviel“ an Licht, sondern auch seine Qualität: Moderne LED-Lampen senden oft kaltes blaues Licht aus, das der Dämmerung ähnelt und die biologische Uhr vieler Lebewesen stärker stört als warmes Licht.
Die innere Uhr – wenn Hell und Dunkel aus dem Takt geraten
Fast alle Lebewesen besitzen eine innere Uhr, den sogenannten zirkadianen Rhythmus. Dieser orientiert sich am natürlichen Wechsel von Tag und Nacht. Für Menschen bedeutet das: Licht signalisiert Aktivität, Dunkelheit Ruhe und Schlaf. Doch nicht nur wir, auch Tiere und Pflanzen sind auf diese Signale angewiesen.
Tiere: Viele Tierarten nutzen die Dunkelheit als Schutzraum oder zur Jagd. Wird die Nacht künstlich zum Tage, verlieren sie ihre Orientierung oder werden gezwungen, ihre Aktivitäten zu verlagern.
Pflanzen: Auch sie „sehen“ Lichtquellen. Die meisten Pflanzenarten richten ihre Blüte oder das Wachstum nach dem Licht aus. Durch Dauerbeleuchtung geraten sie in Stress: verschobene Blühzeiten, verlängerte Photosynthese oder gestörte Blattabwurfrhythmen sind die Folge.
Wenn also die natürliche Dunkelheit verschwindet, geraten ganze ökologische Netzwerke aus dem Gleichgewicht.

Nachtaktive Schmetterlinge – die unsichtbaren Bestäuber
Besonders betroffen sind nachtaktive Schmetterlinge. Während für gewöhnlich Bienen und Tagfalter im Rampenlicht der Aufmerksamkeit stehen, sind es die eher unscheinbaren Motten, die im Dunkeln eine ebenso wichtige Rolle spielen.
Orientierung am Mondlicht: Motten und viele andere Nachtfalter orientieren sich am Mond und an den Sternen. Durch künstliche Lichtquellen verlieren sie jedoch die Orientierung und kreisen beispielsweise endlos um Laternen, bis sie vor Erschöpfung sterben. Aber auch Leuchtkäfer (Lampyridae), bekannt als Glühwürmchen, sind betroffen: Durch die zunehmende Lichtverschmutzung werden sie in ihrem Paarungsverhalten massiv gestört.
Verlust von Bestäubern: Studien zeigen, dass die nächtliche Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen durch Auswirkungen der übermäßigen nächtlichen Lichtexposition massiv zurückgeht. Viele Pflanzenarten öffnen ihre Blüten abends oder nachts – genau dann, wenn nachtaktive Insekten unterwegs sind, die jedoch vom Licht der Straßenlaternen von der Bestäubung abgelenkt werden. Dieses Bestäubungsdefizit wird auch nicht durch Tagbestäuber wie etwa Bienen ausgeglichen.
Kettenreaktion: Weniger Bestäubung bedeutet weniger Früchte, Samen und Beeren. Das betrifft nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch Vögel und Säugetiere, die auf diese Nahrung angewiesen sind.
So führt die nächtliche Lichtverschmutzung indirekt zu Ernteausfällen und schwächeren Ökosystemen.