Wo die Berge entscheiden

| Text: Jonas Nørregaard |

HALALI-Autor Jonas Nørregaard nimmt uns mit auf eine ursprüngliche Gamsjagd in die winterliche Schweiz. Gemeinsam mit einer kleinen Jagdgruppe erlebt er die ungezähmte Härte der Alpen – und stößt dabei immer wieder an seine eigenen Grenzen.

„Meine Füße sind eiskalt und völlig taub. Ich wringe meine durchnässte Kleidung aus, presse so viel Wasser wie möglich heraus und hänge sie auf die Leine, die quer durch die Höhle gespannt ist – von einer Felswand zur anderen. Hier schlafen wir. Wenigstens habe ich meinen Schlafsack in einem wasserdichten Packsack verstaut. Er ist trocken geblieben, warm und einladend. Während ich langsam einschlafe, kreisen meine Gedanken bereits um den nächsten Morgen – und um die Aussicht, wieder in diese vermutlich klammen, kalten Kleider steigen zu müssen. Ein langer Tag in den Bergen wartet auf uns.“

Ich reise in die Schweiz, um zwei Freunde zu besuchen: die Brüder Vincent und Fabien Prétôt. Sie haben mich eingeladen, sie auf eine klassische Schweizer Gamsjagd zu begleiten. Vincent holt mich am Flughafen ab, und wir fahren in südöstlicher Richtung immer tiefer in die Alpen hinein. Am Nachmittag erreichen wir die kleine, gemütliche Holzhütte der Familie, die sich an einen Berghang schmiegt und den Blick weit hinunter ins Tal freigibt. Nur eine Nacht bleiben wir hier. Dann beginnt die erste Etappe unseres Aufstiegs zu einer abgelegenen Felshöhle, die uns als Jagdbasis dienen soll. Am nächsten Morgen brechen wir früh auf. Nach kurzer Fahrt endet die Straße, und wir treffen auf den Rest der Gruppe: den Vater der Brüder, sowie einen weiteren Jagdbegleiter. Die Rucksäcke sind gepackt, die Stiefel geschnürt. Schließlich öffnet Vincent eine Kiste, die wirkt wie ein Himmel aus Snacks: Käsewürfel, Wurststücke, Schokoriegel. Er fordert mich auf, genug Proviant für zwei Tage mitzunehmen. Hätte ich geahnt, was alles vor uns liegt, hätte ich deutlich großzügiger zugegriffen.

Der Aufstieg beginnt auf einem schmalen Pfad, der sich durch kleine Wäldchen windet, an Viehställen vorbeiführt und stetig an Höhe gewinnt. Schnell fallen mir die langen Wanderstöcke auf, die alle Jäger mit sich führen – gerade Holzstangen mit einer Gamskrucke am Ende. Ich kenne sie von alten Jagdfotografien, habe mich aber immer über ihre enorme Länge gewundert. Ich greife fester um meine modernen Teleskopstöcke und versuche mich davon zu überzeugen, dass sie praktischer sind. Der Weg wird bald extrem schmal und steil. Mehrfach müssen wir kleine Felsstufen hinaufklettern. Mein schwer beladener Rucksack schneidet schmerzhaft in die Schultern. Immer wieder öffnet sich das Gelände und gibt den Blick auf steile Hänge, zerklüftete Felsformationen und tiefe Schluchten frei. Jedes Mal greife ich automatisch zum Fernglas und suche die Hänge nach Gämsen ab.

Der Saisonbeginn liegt noch einen Tag vor uns. Unser früher Start dient allein dazu, Höhe zu gewinnen und morgen ohne Zeitverlust mit der Jagd beginnen zu können. Das Jagdgebiet ist öffentlich zugänglich, erfordert jedoch eine offizielle Erlaubnis. Vincent und Fabien besitzen in diesem Jahr Lizenzen für ein junges und ein älteres Stück.

Stundenlang steigen wir weiter bergauf, nur unterbrochen von kurzen Pausen. Während wir die Hänge absuchen, füllen wir unsere Wasserflaschen an kleinen, eiskalten Bergbächen. Schließlich verlassen wir den Weg und kämpfen uns durch dichtes Unterholz und felsdurchsetztes Gelände. Vincent hebt plötzlich seinen Gamsstock und zeigt nach oben. Vor uns liegt ein gewaltiger Felsblock – so groß wie ein zweistöckiges Haus –, einst von einem Gletscher hier abgesetzt. Zunächst sehe ich keine Höhle. Erst aus der Nähe erkenne ich die Öffnung unter dem überhängenden Felsen. Das natürliche Dach wird seitlich von aufgeschichteten Steinen ergänzt, sodass nur die Vorderseite offen bleibt. Ganz hinten stehen in einer Kiste Kochgeschirr und Pfannen bereit. Wir richten uns ein. Die Nacht bricht rasch herein. Vor der Höhle dient uns ein flacher Stein als improvisierter Tisch. Während wir den Wein öffnen und Käse schmelzen, reden wir über die bevorstehende Jagd und tauschen Erinnerungen vergangener Abenteuer aus. Das Abendessen ist ein klassisches Alpenfondue. Ich hätte nie erwartet, so weit entfernt von jeder Küche ein perfektes Käsefondue serviert zu bekommen. Für diese erfahrenen Alpenjäger ist es Routine. Bald tauchen wir Brotstücke in den dampfenden Käsetopf, begleitet von würziger Wurst und kräftigem Wein.

Am nächsten Morgen weckt mich sehr früh ein zischendes Geräusch. Es stammt von Fabien, der, bereits fertig angezogen, für uns Kaffee kocht. Wir kriechen aus unseren Schlafsäcken. Der Boden ist hart, der Platz eng – fünf Männer liegen dicht nebeneinander –, doch der Schlaf war erstaunlich tief. Schnell ziehen wir uns an, schlüpfen in die Stiefel, bereiten Kameraausrüstung, Gewehre und Ferngläser vor. Kurz darauf brechen wir auf. Ich steige mit den Brüdern weiter hinauf ins obere Tal, während der Vater der Brüder und sein Begleiter den unteren Bereich absuchen. Es ist noch stockdunkel. Nur unsere Stirnlampen schneiden Lichtkegel in die Finsternis. Bald endet der Pfad, und wir steigen querfeldein weiter. Mir wird heiß. Ich halte an und ziehe eine Kleidungsschicht aus. Für einen Moment habe ich das alte Bergsprichwort vergessen: „Sei mutig, fang kalt an.“

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