Mythen, Märchen & Money
| Text: Bruno Hespeler |
Durch viele Jahrtausende ging es bei der Jagd in erster Linie um Nahrungsbeschaffung. Doch mit dem Wachstum der Bevölkerung traten Fleischfresser zunehmend als Konkurrenten und Bedrohung des Menschen in Erscheinung. Ihre Ausrottung wurde zum erklärten Jagdziel. Grasfresser wie Auerochse oder Wisent waren übernutzte Fleischlieferanten und starben deshalb aus.
Wir Jäger hören es nicht gerne, aber wir haben in vergangenen Zeiten nicht wenige Wildarten in existenzielle Bedrängnis gebracht. Anlass waren unsere Ängste, vermeintlich offenstehende Rechnungen, die wir endlich beglichen haben wollten, aber auch reine Profitgier. Da war vielleicht der Bär, der uns um etliche Schafe erleichterte hatte, und dann der Wolf, vor dem wir uns schlicht fürchteten. Unsere Vorfahren hatten aber auch schnell begriffen, dass wir mit toten „Feinden“ gutes Geld machen konnten. Daran hat sich bis heute gar nicht so viel geändert.
Ob Luchs, Adler oder Otter, alle standen sie im Ruf, üble Schädlinge zu sein. Vor den größeren Tieren, vom Geier bis zur Wildkatze, hatten die Menschen zudem schlicht Angst. Anders verhielt es sich mit kleinen und selbst winzigen Tieren – ihnen begegnete man weitgehend furchtlos. Dabei waren es gerade sie, die als Krankheitsüberträger eine reale Gefahr darstellten: Mäuse und Ratten, aber auch Haustiere konnten verheerende Seuchen einschleppen. Manche davon, wie der Hundebandwurm oder die Tollwut, waren absolut tödlich – fanden jedoch erstaunlich wenig Beachtung. Was es wirklich mit Zoonosen auf sich hatte, wussten die Menschen einfach noch nicht. Man konnte die Urheber weder sehen noch vermarkten.
Märchen und Nutzen
Das war bei großen Arten wie Bart- oder Gänsegeier relativ einfach. Bei ihnen genügte ausreichend „PR“! Als Kadaverbeseitiger wurde der Bartgeier immer wieder an eingegangenen oder verunglückten Weidetieren gesehen und erhielt prompt den Namen „Lämmergeier“. So wurde dieser direkt vom Helfer zum Täter befördert. Das zündete, und schnell fanden sich Zeugen, die sogar gesehen haben wollten, wie Geier Säuglinge aus der Wiege raubten oder Menschen in die Tiefe stürzten. Die Geschichten gingen von Mund zu Mund, wurden immer grausiger und galten schnell als gesichertes Wissen.
Der Biologe Robert Hofrichter zitiert in seinem Buch „Die Rückkehr der Wildtiere“ Friedrich von Tschudi, einen durchaus ernsthaften und in seiner Zeit prominenten Schweizer Naturforscher. Der schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts:
„Im Urnerland lebte noch 1854 eine Frau, die als Kind von einem Lämmergeier entführt worden war. In Hundwyl (Kanton Appenzell) trug ein solch verwegener Räuber ein Kind vor den Augen seiner Eltern und Nachbarn weg. Auf der Silberalpe (Kanton Schwyz) stieß ein Geier auf einen auf einem Felsen sitzenden Hütebuben, begann ihn sogleich zu zerfleischen und stieß ihn, ehe die herbeieilenden Sennen ihn vertreiben konnten, in den Abgrund […]“
Ein relativ kleines und sehr scheues, den Menschen meidendes Tier ist die Wildkatze. Alfred Brehm (1829–1884), ein deutscher Zoologe und einer der großen Forscher seiner Zeit, fabulierte über sie allen Ernstes:
„[…] Die Fährte verlief bis zu einer gewaltigen Buche, auf welcher das Tier aufgebaumt haben musste. […] Unser Kreiser macht sich schussfertig und nimmt seinen Revierhammer hervor, um durch Anklopfen mit demselben die Katze aus dem Baum zu vertreiben. Er tut einige Schläge und ergreift flugs sein Gewehr, um die sich etwa zeigende Katze sogleich beim Erscheinen mit einem wohlgezielten Schusse zu empfangen. […] Er klopft zum dritten Male; aber noch hat er nicht das Gewehr zum Anschlag erhoben, da sitzt ihm die Katze im Nacken, reißt ihm mit ihren Tatzen im Nu die dicke Pelzmütze vom Kopfe und haut sich fest in seinen Kopf ein, mit den Zähnen sein Halstuch zerbeißend. Dem Überraschten entfällt das Gewehr; er vergißt fast, sich zu verteidigen, und sucht bloß, Hals und Gesicht vor den wütenden Bissen zu schützen. Dabei schreit er, laut um Hilfe rufend, seinem im Wald befindlichen Sohne zu. Die Katze zerfleischt ihm die Hände, zerbeißt ihm das Gesicht, zerreißt das Tuch; ängstlicher wird sein Hilferufen, größer seine Angst. Da empfängt er einen grimmigen Biß in den Hals und stürzt nieder. So findet ihn sein Sohn, die Katze noch auf ihm, ihm die Nackenmuskeln zerbeißend […]“
Auch über den Luchs findet Brehm (und viele seiner Zeitgenossen) wenig Positives zu berichten. So notiert er, „daß der Luchs weit mehr erwürgt, als er zur Nahrung braucht, sondern auch von einer Beute nur das Blut aufleckt […]“

