Wassermangel im Jagdrevier
| Text: Dr. Johanna Maria Arnold und Dr. Janosch Arnold |
Der Klimawandel verändert zunehmend die Landschaften Mitteleuropas – mit tiefgreifenden Folgen für ökologische Prozesse. Besonders betroffen sind Wildtiere im Offenland, deren Lebensräume stark von landwirtschaftlicher Nutzung geprägt sind. Arten wie Reh, Feldhase, Rebhuhn oder Graugans sind auf ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Wasserverfügbarkeit, Vegetationsstruktur und Nahrungsangebot angewiesen. In den letzten Jahrzehnten zeigen Klimadaten für Deutschland und Europa eine deutliche Zunahme von Hitzetagen, längeren Trockenperioden sowie intensiveren Starkregenereignissen. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes gehören die Jahre seit 2018 zu den trockensten und wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Diese Entwicklungen führen zu einer zunehmenden Verknappung von Wasser in der Landschaft – mit weitreichenden Auswirkungen auf Wildtiere und ihre Lebensräume.
Zunehmender Wassermangel in der Landschaft
Der Klimawandel wirkt sich auf vielfältige Weise auf Wildtiere im Offenland aus, wobei der zunehmende Wassermangel zu den zentralen und folgenreichsten Veränderungen zählt. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster nicht nur die Menge, sondern vor allem die zeitliche Verfügbarkeit von Wasser beeinflussen. Nach Analysen des Deutschen Wetterdienstes (DWD 2026) nehmen sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität von Trockenperioden in Deutschland deutlich zu, während Niederschläge vermehrt in Form von Starkregen auftreten, der oft oberflächlich abfließt und nicht nachhaltig zur Grundwasserneubildung beiträgt. Der DWD erwartet insbesondere im Süden und Osten Deutschlands mehr Hitzewellen und Trockenheit, was die Bodenfeuchte vor allem in den Sommermonaten senkt. Die Folge ist eine abnehmende Bodenfeuchte, die sich unmittelbar auf Gewässer auswirkt: Flüsse und Bäche führen in Trockenperioden zunehmend Niedrigwasser, kleinere Zuflüsse versiegen vollständig, und temporäre Gewässer wie Tümpel oder Senken trocknen oft bereits früh im Jahr aus.
Gerade diese Kleingewässer sind von herausragender Bedeutung für die Biodiversität, da sie als Lebensraum, Reproduktionsstätte und Nahrungsquelle für zahlreiche Tierarten dienen und in Agrarlandschaften häufig die letzten verbliebenen Feuchtbiotope darstellen. Laut Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB 2026) beherbergen sie bis zu 70 % des regionalen Süßwasser-Artenpools und sind besonders empfindlich gegenüber Klimawandel und Wassermangel. Ihr Verlust ist daher nicht nur ein hydrologisches, sondern vor allem ein ökologisches Problem, das Offenlandarten wie Amphibien, Insekten und Vögel betrifft und zu Verhaltensänderungen sowie Rückgängen in der Artenvielfalt führt. In Agrarlandschaften verstärkt sich dies durch vermehrten Habitatdruck.
Intensiv genutzte Agrarlandschaften verschärfen die Situation durch Wassermangel zusätzlich: Entwässerungsmaßnahmen, Drainagesysteme und die Entfernung landschaftlicher Strukturelemente wie Hecken oder Moore haben über Jahrzehnte dazu geführt, dass Wasser schneller aus der Fläche abgeführt wird, was zu einem strukturellen Wasserdefizit in Kombination mit klimabedingter Trockenheit führt. Auf feuchte Wiesen und Moore spezialisierte Arten wie das Braunkehlchen, der Große Brachvogel und die Bekassine zeigen infolge von Lebensraumverlust und landwirtschaftlicher Intensivierung deutliche Bestandsrückgänge, wie nationale und internationale Monitoringprogramme belegen (z. B. European Bird Census Council, Pan-European Common Bird Monitoring Scheme, Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, Kamp et al. 2021). Europäische Analysen zeigen, dass insbesondere Agrar- und Wiesenvögel zu den am stärksten rückläufigen Artengruppen gehören (Voříšek et al. 2010). Auch auf Grasland spezialisierte Vogelarten weisen teils drastische Populationsrückgänge infolge von Habitatveränderungen auf (Silva et al. 2023). Parallel dazu sind auch weitere an diese Lebensräume gebundene Organismengruppen betroffen: Rückgänge von Insekten werden breit diskutiert und stehen im Zusammenhang mit ähnlichen Umweltveränderungen (Hallmann et al. 2017, Sánchez-Bayo & Wyckhuys 2019, Blüthgen et al. 2023), und auch Kleinsäuger reagieren empfindlich auf Habitatveränderungen und Landnutzungsintensivierung, was in europäischen Studien nachgewiesen wurde (Michał & Rafał 2014). Die European Environment Agency (EEA 2026) weist darauf hin, dass Dürren in Europa zunehmend die Wasserverfügbarkeit in Böden und Oberflächengewässern einschränken und damit direkte Auswirkungen auf Ökosysteme haben, einschließlich Kettenreaktionen in der Nahrungspyramide.


Für Wildtiere bedeutet diese Entwicklung eine drastische Einschränkung des Trinkwasserangebots. Viele Arten wie Rotfüchse, Rehe oder Vögel müssen größere Distanzen – teilweise mehrere Kilometer – zurücklegen oder sich auf wenige Wasserstellen konzentrieren, was zu erhöhtem Stress, Konkurrenz und Krankheitsrisiken führt. Pathogene Keime vermehren sich leichter in warmen, stehenden Gewässern; Dürren begünstigen so Vektoren wie Mücken und erhöhen das Risiko für Krankheiten wie das West-Nil-Virus oder die Leptospirose durch Konzentration von Wirten und Vektoren an verbleibenden Quellen (Sambado et al. 2025, Bradley & Lockaby 2023).
Die Folgen reichen weit über die Trinkwasserversorgung hinaus und betreffen zentrale ökologische Prozesse. Fehlende Wasserstellen zerstören Nahrungs- und Bruträume: Wasservögel verlieren Rastplätze, feuchtigkeitsabhängige Insektenpopulationen brechen ein und entwässerte Moore emittieren erhebliche Mengen CO₂ (in Deutschland rund 53 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalente im Jahr 2020) (Umweltbundesamt 2022, Greifswald Moor Centrum 2021), was den Klimawandel zusätzlich antreibt. Besonders Amphibien wie Grasfrosch oder Feuersalamander leiden unter der Austrocknung von Laichgewässern, was zu erhöhter Larvenmortalität, verzögerter Metamorphose und Fortpflanzungsstörungen führt; Studien des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigen, dass zunehmende Trockenheit Populationen deutlich reduziert und regional zu lokalen Aussterbeprozessen beitragen kann (UFZ 2019 & 2023). Auch Reptilien und Kleinfischarten in temporären Gewässern sind betroffen, da eine verringerte Wasserpersistenz ihre Entwicklungszyklen unterbricht. So sind beispielsweise semiaquatische Reptilien wie die Europäische Sumpfschildkröte auf ausreichend lange Wasserphasen angewiesen, während Kleinfischarten wie das Moderlieschen oder der Dreistachlige Stichling temporäre Kleingewässer zur Fortpflanzung nutzen. Eine verkürzte Hydroperiode kann dabei zum Abbruch der Larvalentwicklung bzw. zum Verlust des Reproduktionserfolgs führen (Bundesamt für Naturschutz 2020, European Environment Agency 2019, Williams et al. 2004).

Insgesamt wirkt Wassermangel als zentraler Stressfaktor, der verschiedene ökologische Prozesse verknüpft und verstärkt. Er gefährdet die Stabilität von Lebensgemeinschaften und die Artenvielfalt in Kulturlandschaften, in denen sich der Zustand von Flüssen und Feuchtgebieten seit etwa 2010 kaum verbessert hat und urbane so-wie landwirtschaftliche Nutzungen die Erholung weiterhin behindern (Umweltbundesamt 2022, Europäische Umweltagentur 2021). Ohne gezielte Renaturierungsmaßnahmen – etwa die Wiederanbindung von Auen, Gewässerumleitungen oder die Reduktion von Drainagen – drohen diese Entwicklungen langfristig irreversibel zu werden (Ramsar-Konvention 2018, Bundesamt für Naturschutz 2020).