Faszination Rehbockjagd
| Text: Jonas Nørregaard |
Franz Fibiger Holmberg ist ein erfahrener Jäger und Vater des neunjährigen Frej. An einem wunderschönen frühen Morgen Anfang Juni lädt er HALALI-Autor Jonas Nørregaard ein, ihn und seinen Sohn auf eine Rehbockjagd zu begleiten. Da die Junitage bereits heiß sind, bricht das Trio zeitig auf, um die kühlen Morgenstunden vor dem Sonnenaufgang zu nutzen.
Wir treffen uns am Rand des Waldes. Franz und Frej sprechen mit gedämpfter Stimme, als hätte sie allein der Weg dorthin bereits in jenen Zustand versetzt, der die Jagd ausmacht: Fokussierung, innere Sammlung, stille Konzentration. Mit einer kleinen, beinahe zeremoniellen Geste stellt Franz sein Handy lautlos – ein bewusstes Verlassen der Außenwelt, um sicherzustellen, dass nichts und niemand stören wird. Es ist die Absicherung, dass kein Klingeln das Wild alarmiert und nichts diese innere Ruhe stört, die für ihn untrennbar mit dem Jagen verbunden ist.
Alles scheint sich zu verlangsamen, und zugleich schärfen sich die Sinne. Als wir den Waldrand passieren und den Alltag mehr und mehr hinter uns lassen, entfaltet sich der Wald in all seinen vielschichtigen Facetten: der vielstimmige Chor der Vögel, das erste weiche Licht, das durch die Kronen fällt, die Tautropfen, die wie feine Perlen auf den Grashalmen sitzen. Es ist ein Erleben, das weit über das eigentliche Ziel hinausgeht – ein Eintauchen in Achtsamkeit, in Präsenz, in das bewusste Wahrnehmen jedes Augenblicks.
Wir folgen einem schmalen Pfad, dicht gesäumt von hohen Bäumen. Das Gras und die Kräuter stehen in diesem Jahr hoch, ungewöhnlich hoch, und dies wird das Ausmachen des Wildes sicherlich erschweren. Es zwingt uns zu einem langsameren, bedächtigeren Vorgehen. Immer wieder gehen Franz und Frej in die Hocke, lassen ihre Ferngläser ruhig über die Naturverjüngung gleiten. Sie wissen, dass sich aus dieser Perspektive oftmals Details offenbaren, die dem Blick aus aufrechter Haltung verborgen bleiben.
Unser erstes Ziel ist eine Kahlfläche. Auf dem Weg dorthin hält sich Franz instinktiv auf der schattigen Seite des Pfades. Sein Blick wandert unablässig zum Boden, auf der Suche dem lautlosen Tritt. Er setzt seine Schritte bewusst auf weiches Erdreich, das jedes Geräusch schluckt, und meidet Kieselgrüppchen, die uns mit einem einzigen Knirschen verraten könnten.
Aus dem schützenden Dunkel des Waldes beobachten wir die vor uns liegende Fläche. Zunächst zeigt sich nichts. Wir gehen weiter, bis Franz, der ein Stück voraus ist, innehält, sich umdreht und leise darauf hinweist, dass sich aus diesem neuen Winkel eine Ecke der Lichtung eröffnet. Bei der Jagd, erklärt er, sei es entscheidend, nicht nur nach vorn zu blicken, sondern auch immer wieder die Perspektive zu wechseln – oft entscheidet der Blickwinkel darüber, was sichtbar wird.
Wir halten an.
Im hohen Gras taucht plötzlich ein Gehörn auf. Etwas, das wir mit Sicherheit übersehen hätten, wären wir hastiger gegangen. Der Bock hat uns längst bemerkt, daher vermeiden wir jegliche abrupte Bewegung. Einzig die ruhige, kontrollierte Fokussierung seines Fernglases, während Franz das Tier aufmerksam anspricht, ist als Regung zu erkennen.
Es ist ein drei- bis vierjähriger Bock, gut entwickelt, ausgewogen im Körperbau – ein braver Sechser. Frej spürt sofort die Faszination, meint in ihm einen scheinbar passenden Abschussbock zu erkennen. Doch Franz erklärt leise, fast beiläufig, dass genau solche Böcke geschont werden sollten. Er spricht von Kraft, Gesundheit, von Potenzial – von einem Stück, das noch nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen ist.
Nur wenige Augenblicke später wird der Bock unruhig. Er springt ab, setzt über die Lichtung und verschwindet im gegenüberliegenden Wald. Kurz darauf zeigt sich ein weiteres Stück, nur flüchtig, kaum mehr als ein Schatten im Gras. Doch es genügt, um einen jungen, schlanken Bock mit zwei feinen Spießen zu erkennen – ein klassischer Abschussbock. Einen Herzschlag später ist er verschwunden. Franz kann seine Enttäuschung nicht ganz verbergen, war doch die Gelegenheit zum Greifen nah.
Wir setzen unsere Pirsch fort. Bald darauf hocken Franz und Frej nebeneinander und besprechen leise das Geschehene, wägen Möglichkeiten ab, denken voraus. Es wird deutlich, wie wichtig dieser Dialog ist – nicht nur für die Jagd selbst, sondern für das Weitergeben von Wissen. Frej ist nicht nur ein junger Begleiter, sondern Teil des Ganzen. Ein Stück weiter entdeckt er eine junge Buche auf Kniehöhe, deren Äste stark verfegt sind. Franz lobt ihn für seinen aufmerksamen Blick. Er nimmt sich Zeit, erklärt ruhig, welches Stück dieses Pirschzeichen hinterlassen haben könnte und aus welchem Grund. Es ist gelebtes Lernen, direkt aus der Natur heraus. Der Weg schlängelt sich weiter. Die Sonne steigt höher, beginnt allmählich, den Wald zu erwärmen. Auf einer weiteren Lichtung äst ruhig eine Ricke. Hier ein Blatt, dort ein Kraut, einige Blüten. Plötzlich hebt sie ihr Haupt – nicht in unsere Richtung. Ihr Blick richtet sich in die Ferne.



