Die Sache mit dem Verbiss
| Text: Redaktion |
Trockenheit, Stürme und Schädlinge setzen unseren Wäldern zunehmend zu. Der Waldumbau soll helfen, sie widerstandsfähiger und klimafester zu machen. Welche Maßnahmen dafür nötig sind und welche Rolle dabei Forst, Waldbesitzer und Jäger spielen, erläutert die HALALI-Redaktion.
Wildverbiss ist in vielen Waldrevieren häufig der Anlass für Unstimmigkeiten zwischen der Forstverwaltung, dem Waldbesitzer und dem Jagdpächter – vor allem bei zertifizierten Waldflächen oder wenn Waldbesitzer Förderung in Anspruch nehmen und daher an Auflagen gebunden sind. Anlass genug, um das Thema einmal näher zu beleuchten.
Anstoß, sich einmal mit dem Thema Wildverbiss und Wildschaden im Wald näher auseinanderzusetzen, war der Anruf eines Bekannten. Er ist Pächter eines etwa 400 Hektar großen Jagdreviers im Mittelgebirge. Obwohl der Feldanteil im Revier überwiegt, gehören auch einige Waldflächen zum Jagdbogen. Bei diesen handelt es sich vor allem um Waldrandlagen. Vorkommende Schalenwildarten sind Reh- und Schwarzwild. Rotwild ist seltenes Wechselwild und spielt jagdlich wie waldbaulich in der Region keine nennenswerte Rolle. Das Verhältnis zu den Landwirten und zum kommunalen Waldbesitzer war bisher hervorragend. Abschussvereinbarungen zwischen Pächter und Jagdgenossenschaft beim Rehwild wurden im beiderseitigen Einvernehmen getroffen. Der festgelegte Abschuss wird seit Jahren erreicht.
Im Telefongespräch berichtet mein Bekannter, dass die gute Stimmung nun ein wenig eingetrübt sei. Auslöser sei das vor Kurzem erfolgte PEFC-Audit auf den Waldflächen der Gemeinde. Während das zuständige Forstamt die Verbisssituation in der letzten forstbehördlichen Stellungnahme als „nicht gefährdet“ eingestuft hatte, kam der PEFC-Auditor zum Ergebnis, dass die Verjüngung und damit die nächste Waldgeneration aufgrund zu hoher Wildbestände stark geschädigt seien. Mein Bekannter wunderte sich natürlich über diese völlig gegensätzlichen Einschätzungen. Die Kommune sorgt sich um in Anspruch genommene Fördergelder auf Grundlage des sogenannten klimaangepassten Waldmanagements, sollte eine Abweichung von Fördergrundsätzen festgestellt werden. Denn rein theoretisch ist eine Rückforderung der Fördergelder möglich, wenn der Waldbesitzer nicht auf eine Änderung der Verbisssituation hinwirkt. Eine komplizierte Situation.


Nun ist die Diskussion um Wildschäden im Wald – also um Verbiss und Schälschäden durch Schalenwild – hochemotional belastet. Das ist in den seltensten Fällen einer Lösung oder Einigung zuträglich. Versuchen wir also, das Thema Wildschäden im Wald möglichst sachlich zu betrachten. Dies wäre auch in der öffentlichen Diskussion wünschenswert, haben doch alle Beteiligten berechtigte Interessen an Wald und Wild vorzuweisen. Diese müssen berücksichtigt und gegeneinander abgewogen werden, wenn man auf eine Lösung in diesem Dauerkonflikt hinarbeiten will. Denn eines ist sicher – am Ende aller Diskussionen kann nur ein Kompromiss stehen. Der andauernde Konflikt um Wald und Wild schadet langfristig allen Beteiligten.
Betrachten wir zuerst die Ausgangssituation: Unser Wald befindet sich – aufgrund des fortschreitenden Klimawandels – an einem Zäsurpunkt. Die für die Bewirtschaftung der Wälder verantwortlichen Forstleute müssen heute die Weichen stellen, damit auch für kommende Generationen Wald mit allen seinen Funktionen für die Gesellschaft vorhanden ist. Die teilweise aus der Not der Nachkriegszeit begründeten Reinbestände, vornehmlich aus Fichte oder Kiefer, haben sich als anfällig für verschiedene Folgeerscheinungen des Klimawandels erwiesen. Aber auch andere Baumarten sind in einigen Regionen stark geschädigt und werden perspektivisch aus dem Waldbild verschwinden. So leidet zum Beispiel die Rotbuche besonders unter lang anhaltenden Trockenphasen und fällt in einigen trockeneren Regionen Deutschlands bereits auf großer Fläche aus.