Auf den Spuren von Prinzregent Luitpold

| Text: Uwe Jauß |

Glücklich ist, wen es zum Waidwerk in die Allgäuer Hochalpen verschlägt. Dort hatte bereits der legendäre Prinzregent Luitpold ein Revier. Heute gehört dieses Gebiet zur „Manfred Kurrle Naturschutzstiftung Allgäuer Hochalpen“. Auf den dortigen Höhen ist unser Autor Uwe Jauß der Faszination Bergjagd erlegen.

Ein Tag Pirschen in den Allgäuer Hochalpen steckt bereits in den Knochen: steile Pfade hoch, steile Pfade runter, durch felsige Tobel und Latschenhänge. Es geht auf Gamswild. Aber das Waidmannsheil fehlt noch. Der zweite Tag soll nun nach zwei Stunden Aufstieg den Erfolg bringen. Und tatsächlich: Da steht eine alte Geiß auf einem Felsen wie aus Erz gegossen. Rund 200 Meter sind es bis zu ihr. Vielleicht noch etwas näher heranrobben? Es wäre besser für den sicheren Schuss, schießt einem der Gedanke durch den Kopf. Das bedeutet jetzt tiefste Gangart – wie beim Militär. Ganz vorsichtig. Irgendwann kullert aber ein Steinchen. Die Gams wirft das Haupt herum.

Weg ist sie. Der Fluch steht bereits auf den Lippen, unterbleibt aber. Erstens kann der Tag noch neue Chancen bringen. Zweitens hat sich das bisher Erlebte zum Traum entwickelt: Jagen – und dies im Gebirge. Etwas völlig Neues für einen Waidmann, der seiner Passion bisher meist nur in der schwäbischen Heimat nachgegangen ist. Vier Jahre liegen diese Pirschgänge zurück. Seitdem hat einen die Faszination der Bergjagd nicht mehr losgelassen. Die Schritte führen immer mal wieder in dieses Re-vier – schon wegen der grandiosen Gebirgslandschaft. Sie hat auch einen bayerischen Herrscher an-gezogen. Wo die eigenen Stiefel beim Pirschen Abdrücke auf Steigen hinterlassen, ist schon der legendäre Prinzregent Luitpold mit Büchse und Bergstock unterwegs gewesen. Bei ihm handelt es sich um jenen Wittelsbacher, der nach dem Tod des Märchenkönigs Ludwig II. den Thron verwaltet hat. Von 1886 bis 1912 ist dies gewesen, eine Epoche, die in Bayern als sprichwörtlich gute alte Zeit gilt.

Abseits der Politik zeigt sich Luitpold als passionierter Jäger. Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts kauft und pachtet der Prinzregent im Stillachtal südlich von Oberstdorf Gebirgsflächen für die Jagd an. Als Luitpold 1886 im Alter von 65 Jahren an die Macht kommt, stieg der damals noch ärmliche Ort zur Hofjagdstation auf. Seine waidmännischen Gefilde werden als Prinzregentenbogen oder Prinzregentenjagd bekannt.

Das Revier zieht sich hoch bis zu den berühmten Allgäuer Bergen Mädelegabel (2 645 Meter) und Trettachspitze (2 595 Meter). Manchmal sind dort im Geröll unterhalb der Gipfel sogar Steinböcke zu erblicken. Vor vier Jahren ist die Pirsch auf Gamswild aber nicht bis in solche Höhen gegangen. Der zweite Tag spielt sich auf dem Einödsberg ab, einer rauen Hochweidenlandschaft, die bis knapp 1 600 Meter reicht. Nachdem die Geiß abgesprungen ist, rührt sich in einer entfernten Senke etwas: Schar-wild, gut ein Dutzend Stück. Vielleicht ist die richtige Abschussgams dabei?

Wieder anpirschen, auf den talaufwärts kommenden Wind achten, dieses Mal keinen Stein lostreten. Die innere Anspannung steigt. Gleichzeitig macht sich ein Glücksgefühl breit: Das Wild wird erarbeitet – unter der ganzen Aufwendung der eigenen Geschicklichkeit. Wie banal erscheint dagegen daheim der Hochsitzansitz auf Rehwild. An einer Kuppe nimmt Matthias, der Führer durchs Revier, ein Spektiv aus dem Rucksack. „Das schauen wir uns genauer an“, flüstert der stämmige Bursche.

Er ist seinerzeit der Berufsjäger von Manfred Kurrle, dem heutigen Inhaber der Prinzregentenjagd. Seit 24 Jahren gehört dem Unternehmer das Gebiet, rund 1 000 Hektar. Kurrle stammt ursprünglich aus der Stuttgarter Gegend, ist aber seit über 30 Jahren Wahl-Oberallgäuer. Wie der inzwischen 84-Jährige berichtet, habe er sich rasch in die Gegend verliebt, als Luitpolds Nachfahren verkaufen wollten: „Die Landschaft hat mich einfach gereizt.“

Längst ist die Prinzregentenjagd zu Kurrles Lebensaufgabe geworden. 2006 macht er sie zur gemeinnützigen Naturschutzstiftung Allgäuer Hochalpen. Obwohl selbst Jäger, ist dabei das Waidwerk für ihn nur ein Aspekt unter mehreren. Ganz wichtig für Kurrle: „Ich sehe es als meine Aufgabe an, die traditionelle Alpwirtschaft und die dadurch geprägte Kulturlandschaft zu erhalten.“

Mehrere Hütten auf den Bergweiden hat er sanieren lassen und darauf geschaut, dass die Sennerei weitergeht. Gelber Enzian wird für Schnaps gestochen, ebenso Honig produziert. Letztlich sollen bäuerliche Nutzung, Naturschutz und die jagdliche Tradition des Reviers vereint werden. „Für künftige Generationen“, betont Kurrle. Eine Herkulesaufgabe, die einem gar nicht so klar wird, wenn man oben in den Bergen seiner jagdlichen Lust frönt.

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