Blauer Waldzauber

| Text: Gabriele Metz |

Sagen und Legenden ranken sich um das Atlantische Hasenglöckchen, das jedes Jahr – von Mitte April bis Mitte Mai – Heerscharen seiner Liebhaber in alte Mischlaubwälder lockt. In England ist das Spektakel besonders sehenswert, aber auch in Deutschland gibt es Pilgerstätten für Waldhyazinthen-Fans.

Wem es gelingt, die Blüte eines Atlantischen Hasenglöckchens von innen nach außen zu drehen, ohne die zarte Membran zu zerreißen, der wird das Herz der Liebe seines Lebens erobern. Das besagt zumindest eine alte englische Volksweisheit. Und wenn man jemandem eine Girlande aus Bluebells – wie die Atlantischen Hasenglöckchen in England genannt werden – um den Hals legt, dann spricht er die Wahrheit. Auch die Welt der Feen ist laut Volksglauben eng mit dem Hasenglöckchen verknüpft. So soll das Läuten einer Bluebell-Blüte die Feen zur Versammlung rufen. Wenn aber ein Mensch das Blüten-Glöckchen vernimmt, dann sucht ihn Unheil heim. Bluebell-Wälder sind angeblich verzaubert und locken Menschen mit ihrer Schönheit in die Welt der Feen, die sie dann gefangen nehmen.

Weniger mystisch, dafür aber umso verblüffender sind die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der auch als Waldhyazinthe bekannten Zwiebelpflanze. Ihre zerdrückten Blüten dienten einst der Herstellung von Stärke, die unter der Regentschaft der englischen Königin Elisabeth I. zum Festigen der Kragen der Gewänder diente. In der Bronzezeit sorgte der klebrige Pflanzensaft des Hasenglöckchens für festen Halt der an Pfeilen befestigten Federn. Buchbinder nutzten eben diesen Saft als Buchleim, und Naturheilkundler setzten ihn gegen Albträume ein. Im 13. Jahrhundert verwendeten Mönche Bluebells, um Schlangenbisse und Lepra zu behandeln.

Ein Spiel mit Gift, denn Hasenglöckchen enthalten Glykoside, die bei Hautkontakt zu Reizungen führen. Was für den Menschen bei Verzehr mit einem Vergiftungsrisiko und Verdauungsbeschwerden einhergeht, scheint Wühlmäuse übrigens wenig zu stören. Sie sind ganz wild auf die Zwiebeln der voll frostharten Waldhyazinthe, weshalb man diese stets mit Gitterkörben einpflanzen und die Hände mit Handschuhen schützen sollte.

Das Atlantische Hasenglöckchen ist eine Pflanze, um die sich spannende Geschichten ranken, und diese verfehlen nicht ihre Wirkung: In England setzen sich in der Bluebell-Hochsaison Mai ganze Heerscharen in Bewegung, um das blau blühende Spektakel in jahrhundertealten Mischlaubwäldern zu bewundern. In Deutschland besteht diese Möglichkeit auch. Die Waldhyazinthen-Wälder bei Hückelhoven – in der Nähe von Aachen – sind atemberaubend schön, und das sogar schon ab Mitte April. Bei aller Schönheit ist vom Souvenirgedanken Abstand zu nehmen. Das Atlantische Hasenglöckchen ist nach der Bundesartenschutzverordnung in Deutschland besonders geschützt, und in England gilt dasselbe seit Abschluss des Wildlife and Countryside Act von 1981. Folglich schließt man sich dem Symbolgehalt dieser märchenhaften Pflanze am besten einfach an und verkörpert Beständigkeit, Demut und Dankbarkeit, ohne die Pflänzchen auszugraben.

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