Copperprint – alte Kunst neu belebt

| Text: Bertram Graf von Quadt |

Kupferstiche – man sieht sie in Bauernstuben ebenso wie in Schlössern und Palästen. Selbst in modern eingerichteten Häusern finden sie ihren Platz. Sucht man danach, führt der Weg meist in Antiquitätengeschäfte oder auf Kunstauktionen. Auf der Suche nach solchen Schätzen ist HALALI-Autor Bertram Graf von Quadt in München auf eine junge Firma gestoßen, die aus alten Platten neue Drucke fertigt.

„Ich wollte in erster Linie das traditionelle Handwerk erhalten, dem Ganzen aber eine neue Farbe geben“, erzählt Florentine von Schultzendorff, während sie auf einem großen Arbeitstisch aus zahlreichen Rahmenmustern und farbigen Passepartouts das Passende für einen Kupferdruck aussucht.

Bairischen Kunstanstalt“. Bis ins Jahr 1980 führte die Familie Hanfstaengl den Verlag, dann übernahm Peter Blanc und machte ganz in Geist und Tradition des Gründers weiter.

Und genau das war auch der Plan von Florentine von Schultzendorff und ihrem Vater York, als sie 2016 gemeinsam den Blanc Kunstverlag übernahmen: mit einer überwältigend umfangreichen Kupferplattensammlung samt Maschinen und Mitarbeitern. „Es war ein riesiger Zufall! Ich hatte immer das Ziel, mich selbstständig zu machen, etwas Eigenes aufzubauen, und diese alten Bestände waren eine einmalige Chance“, erinnert sich Florentine von Schultzendorff.

Kupferdruck ist eine seit Jahrhunderten bekannte Technik, die ersten Erwähnungen finden sich bereits um 1100. Kunstobjekte wurden damals im Niello-Verfahren verziert: In das Metall wurden dünne Linien graviert, anschließend wurde es mit schwarzem Puder überzogen und erhitzt. Das Pulver schmolz in die Vertiefungen ein und wurde auspoliert. Der Künstler nahm aber davor einen Abzug, um die Qualität der Arbeit zu prüfen und seine Leistungen zu archivieren. Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts wurde diese Technik des Abzugs hauptsächlich zum Abdruck genutzt – auch weil sich ab dem 14. Jahrhundert Papier mehr und mehr als Medium gegen das teurere Pergament durchsetzte.

Direkt nach dem Studium, einem Bachelor in BWL und dem Master in Unternehmensgründung, tauchte die heute 31-jährige Münchnerin erst mal tief in vergangene Zeiten ein: in Schubladen und Schränke, in denen rund 5 000 Kupferdruckplatten mit teilweise 500 Jahre alten Motiven lagerten. Alles musste gesichtet und digital archiviert werden, ein Gespür für das kaum mehr praktizierte alte Kupferdruck-Handwerk und die schweren Maschinen entstehen. Eine riesige Hilfe für die junge Gründerin war und ist dabei der inzwischen 80-jährige Franz Duchatsch. Seit über 50 Jahren arbeitet er an den alten Maschinen, kennt sie in- und auswendig, hat das Kupfer-drucken noch bei Hanfstaengl gelernt und ist selbst künstlerisch tätig. Ein Faktotum im allerbesten Sinn.

Ein Blick in die dicht an dicht mit Druckplatten vollgepackten deckenhohen Schränke lässt erahnen, aus welch vielfältigem Angebot Kunden wählen können. Das Sortiment umfasst Kupferdruckplatten mit Motiven von Künstlern wie Johann Elias Ridinger, Kurt Ernst Meyer-Eberhardt, Maria Sibylla Merian, Franz von Defregger und Hermann Kaulbach sowie eine für Außenstehende nahezu unüberschaubare Auswahl an Themenwelten und Motiven: Ob Pflanzen, Tiere, Städteansichten, Jagdmotive, Porträts, die Schönheitsgalerie, Atlanten oder alte Meister, es gibt kaum etwas, das es hier nicht auf Kupfer-platte gibt.

Auf Basis dieser Kupferplatten entstehen in der Handpresse die Drucke. Eine zeitaufwendige Arbeit, die heute noch nahezu genau so ausgeführt wird wie im 16. Jahrhundert und ein hohes Maß an handwerklichem Geschick erfordert. Bei „Copperprint“, wie das kleine Unternehmen seit 2020 heißt, entstehen aus auf Kupferplatten eingeätzten Radierungen, Kupferstichen und Heliogravuren Handpressen-Kupferdrucke. Bei der Entwicklung der Heliogravur, einer Technik, mittels derer Druckplatten nach Fotovorlagen geätzt werden, spielte Franz Hanfstaengl eine entscheidende Rolle. So konnte das Portfolio um bekannte Motive von Künstlern seiner Zeit erweitert werden.

„Bei uns entsteht jeder Druck in Handarbeit“, erklärt Florentine von Schultzendorff. „Die Druckfarbe wird individuell angemischt und dann mit der Hand auf die Platte aufgebracht. Mit einem speziellen Mull anschließend abgetragen, wobei die frei bleibenden Flächen ausgewischt werden.“ Eine anspruchsvolle Arbeit, die vom Drucker für die letzten Feinheiten den Einsatz von Wattestäbchen und Handballen, großes Können und künstlerisches Gespür erfordert. Dies gilt besonders für den Druck von Radierungen, bei denen der Künstler sein Werk mit der Radiernadel direkt in die Platte geritzt hat.

Ist die Platte eingefärbt, kommt die massive Druckmaschine zum Einsatz: Mit einem Gewicht von 16 Tonnen presst deren Walze das Papier in die Kupferplatte. „Wir verwenden in Wasser getränktes, per Hand gerissenes Büttenpapier, das die Farbe aus den Vertiefungen der Platten saugt. Auf diese Weise entsteht der Druck. Für jeden weiteren Abzug muss die Kupferplatte erneut mit Farbe versehen werden, sodass kein Druck zu hundert Prozent dem vorherigen gleicht. Jeder ist ein Original.“

Ist das Papier getrocknet, verbringen die Drucke zum Glätten drei bis fünf Tage lang in einer sogenannten Spindelpresse. Mit eindrucksvollen 24 Tonnen Druck sorgt die bereits 150 Jahre alte Presse für die optimale Form. Im nächsten Schritt erhalten die Drucke ihr endgültiges Finish: Mit feinsten Pinseln und Aquarellfarben werden Details bearbeitet und die Drucke auf Wunsch in sorgfältigster Handarbeit koloriert. Hierbei sind extreme Genauigkeit und künstlerisches Gespür gefragt.

Für die Copperprint-Inhaberin steht der Erhalt dieses alten Handwerks im Zentrum ihrer Unternehmensphilo-sophie – ergänzt durch eine neue Note. Florentine von Schultzendorff verpasst den Motiven aus vergangenen Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes einen neuen, modernen Rahmen. Ihre Kunden können aus einer Vielzahl unterschiedlichster Bilderrahmen und Passepartouts in verschiedensten Farben wählen – von klassischem Creme bis hin zu knalligem Pink. Sie spielt mit Maßen und Kontrasten; so entfaltet beispielsweise ein Druck im Smartphone-Format in überdimensionierter Rahmengröße und von weinrotem Passepartout umgeben eine ganz neue Wirkung. Die Auswahl von Passepartout-Farben, die auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich wirken, und der entsprechenden Rahmen lässt die alten Motive in einem modernen Kontext erscheinen. Breit gestreifte Passepartouts sorgen für einen wieder völlig neuen und anderen Effekt. Ob klassischer Salon, Arztpraxis oder moderne Stadtwohnung: In entsprechender Rahmung wirken die Drucke in unterschiedlichsten Umgebungen. Neues auszuprobieren oder auf klassisch Bewährtes zu setzen – bei Copperprint geht beides.

Individuelle Beratung spielt deshalb eine entscheidende Rolle für Florentine von Schultzendorff. Und das nicht nur in ihrem gemütlichen Ladengeschäft mit angeschlossener Werkstatt im Münchener Stadtteil Au, in das Copperprint Anfang des Jahres gezogen ist. Auch telefonisch oder via
Internet ist sie für ihre Kunden da. „Ich berate immer wieder Kunden über FaceTime. Oder ich bekomme Fotos der Räume zugeschickt, in denen der Druck hängen soll, und kann mir so einen Eindruck davon verschaffen, was passen könnte. Ich schicke dann über WhatsApp Fotos mit Ideen für Rahmen und Passepartouts, und wir können so gemeinsam überlegen, was das Richtige ist.“

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