Das Konzert wird leiser

| Text: Dr. Volker Pesch |

Vor 60 Jahren erschien Rachel Carsons Buch „Der stumme Frühling“. Es brachte die Folgen der intensiven Nutzung von Insektiziden ins allgemeine Bewusstsein. Seitdem ist zwar viel passiert, aber der Rückgang der Individuen und Arten ist nicht gestoppt. Auch wenn noch allerorten Singvögel zu hören sind, so ist jeder Frühling etwas stummer als der vorherige, wie HALALI-Autor Dr. Volker Pesch zu berichten weiß.

Es ist Anfang Mai. Ich sitze frühmorgens irgendwo am Waldrand und lausche dem Vogelgesang. Es ist ein vielstimmiges Konzert, die einzelnen Sänger sind kaum auseinanderzuhalten. Alles singt, jubelt, tiriliert – betörender und lauter als im schönsten alten Volkslied. Ein jedes Hähnchen grenzt sein Revier gegen Rivalen ab und zeigt sich den Artgenossinnen schön, stark und mutig. Ich erkenne die schmetternden Strophen mehrerer Buchfinken, das glockenklare Flöten einer Mönchsgrasmücke und von allen Seiten die leiernden Zweisilber der Kohlmeisen. Und lauter als alle, weithin hörbar, singt am nahen Fluss ein Drosselrohrsänger seine Folge klagender Falsetttöne ins Schilf.

Der stumme Frühling

Mitten in diesem Frühlingskonzert fällt es schwer, an Rachel Carson zu denken. Oder vielmehr an deren Buch „Der stumme Frühling“, das heute fest zum klassischen Kanon der internationalen Umweltbewegung gehört. Bis heute stehen Variationen dieses Titels über unzähligen Artikeln in ornithologischen und populärwissenschaftlichen Zeitschriften. Das mag einfallslos erscheinen, hat aber leider einen guten Grund.

Carsons Buch erschien 1962 und rief eines der großen ökologischen Probleme der Gegenwart ins Bewusstsein: Am Anfang steht der intensive Einsatz von Pestiziden, am Ende ein großes Artensterben. Das trifft keineswegs nur die Singvögel, aber durch deren Verschwinden wird es besonders sichtbar und hörbar. Viele Pflanzen, Tiere und Pilze sterben durch direkten Kontakt mit den Giften, die wir zu ihrer Bekämpfung auf Äcker, Wiesen und in Wäldern ausbringen. Die fehlen dann als Wirte oder Nahrung. Andere Arten kommen nicht mehr klar, wo Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Und wieder andere werden indirekt vergiftet, weil sie über Nährstoffkreisläufe und Nahrungsketten mit den Giften in Berührung kommen. Zu Letzteren gehören wir Menschen selbst.

Die Autorin erlag 1964 einem Krebsleiden, aber ihr Buch wurde zum Zündfunken. Weltweit setzten sich Menschen und Organisationen für das DDT-Verbot ein. DDT wurde bald, was heute Glyphosat ist: ein Symbol, eine Art Voodoo-Puppe, auf die sich die Umweltbewegung einschoss (vielleicht auch deswegen, weil all die anderen Stoffe weitaus schwieriger auszusprechen waren). Tatsächlich wurde DDT in den USA und Europa dann in den 1970er-Jahren verboten, was viele Arten vor dem Aussterben bewahrte. Besonders augenfällig war das bei den Greifvögeln, die sich vielerorts rasch erholten (neben dem Jagdverbot ist das die zweite starke Säule vieler Erfolgsgeschichten des Greifvogelschutzes).

Aber die Singvögel hat das Verbot nicht gerettet. Zu viele andere „Pflanzenschutzmittel“, wie Hersteller und Anwender die Pestizide gern nennen, sind weiterhin erlaubt oder neu hinzugekommen. Allein zwischen 1999 und 2019 stieg die weltweit ausgebrachte Menge um rund 35 %, wie der jüngst erschienene Pestizidatlas der Heinrich-Böll-Stiftung belegt. Zwar gibt es heute zumindest in der sogenannten „westlichen Welt“ ein allgemeines Bewusstsein für die Gefährlichkeit von Pestiziden, übrigens auch unter vielen Landwirtinnen und Landwirten, und moderne Mittel wirken spezifischer und effizienter. Aber das Problem ist keineswegs gelöst: Das große Artensterben hält an. Selbst wenn es an vielen Stellen noch frühlingshaft trillert und jubiliert, so wird auch das Konzert der Vögel insgesamt leiser. Der stumme Frühling rückt näher.

Wie Pans Flöte

Der Drosselrohrsänger weiß nichts von Rachel Carson oder Ackergiften und singt aus voller Kehle. Oder vielmehr aus dem unteren Kehlkopf, auch Stimmkopf oder Syrinx genannt („Syrinx“ hießen eine Nymphe und die Hirtenflöte des Pan in Ovids „Metamorphosen“). Der kleine Vogel reckt seinen Hals und versetzt ausatmend Membranen in Schwingungen, was seinen typischen Gesang erzeugt. So typisch, dass sich die rund 5 000 Singvogelarten allein an ihrem Gesang unterscheiden lassen, jedenfalls durch geübte und geschulte Ohren oder gut programmierte Bestimmungs-Apps.

Bei aller Verschiedenheit der Singvögel ist der Stimmkopf das Organ, das sie als Unterordnung der Sperlingsvögel verbindet. Entscheidend für die taxonomische Zuordnung ist diese anatomische Besonderheit, und nicht etwa, ob ein Vogel singen kann. Singen kann beispielsweise auch ein Eisvogel, der aber nicht zu den Singvögeln zählt, sondern eine eigene Artenfamilie bildet. Dabei klingt sein Gesang sicher nicht schlechter als das Getschilpe des Feldsperlings. Trotzdem muss er leider draußen bleiben, ebenso wie manch andrer guter Sänger.

Ganz stimmig ist die Systematik aber nicht: Rabenvögel beispielsweise gehören zu den Singvögeln, verfügen aber nicht über einen ausgebildeten Stimmkopf, wie man unschwer hören kann, wenn deren krächzende oder knorrende Laute über Feld und Flur hallen. Der Kolkrabe mit seinem Körpergewicht von deutlich mehr als einem Kilogramm ist sogar der größte heimische Singvogel. Am anderen Ende der Skala steht mit nur fünf Gramm das Wintergoldhähnchen, dessen leises, hohes Wispern von uns Menschen leicht überhört wird.

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