Der nächtliche Wanderer

| Text: Jonas Nørregaard |

HALALI-Autor Jonas Nørregaard versucht sein Glück bei der Marderhundjagd im dänischen Djursland. Er berichtet von zahlreichen Versuchen, dieser invasiven Art Herr zu werden – vom Bogen bis zum modernen Wärmebildgerät.

Erste Begegnung

Seit eineinhalb Stunden sitze ich auf meinem Hochstand. Bald wird die Sonne untergehen. Im Wald breitet sich schon die Dunkelheit des Sommerabends zwischen den eng stehenden Eschenstämmen aus. Den Bogen halte ich in der Linken, die farbigen Glasfasern sorgen dafür, dass ich auch bei schwachem Licht die Pins noch deutlich sehen kann. Ich bin bereit für den Bock, auf den ich schon seit Anfang der Jagdsaison passe.

Hinter mir, etwas zu meiner Rechten, nehme ich eine Bewegung auf dem dunklen Waldboden wahr. Mein Puls steigt, ich hebe den Bogen, bereit, ihn zu spannen. Da ist aber kein Rehbock, da ist etwas anderes: ein Tier, aber keines, das ich vorher je gesehen hätte.

Kleiner als ein Dachs, größer als ein Hase, trollt das Tier durch den Wald, direkt auf den Baum zu, in dem mein Sitz ist. Es hält an, schnüffelt, gräbt ein wenig, dann läuft es weiter. Als es beinahe direkt unter meinem Baum ist, hält es erneut an und lässt sich genauer in Augenschein nehmen.

Und nun erkenne ich es: Ich habe es doch schon mal gesehen, aber nur auf Fotos. Es ist ein Marderhund.

Im Halbdunkel meiner Eschenkrone spanne ich meinen Bogen. Aber der ungünstige Winkel zum Wild, das direkt unter mir steht, verhindert den Schuss. Ich entspanne und frage mich dabei, ob es überhaupt legal ist, einen Marderhund mit dem Pfeil zu erlegen.

Der kleine Kerl da unten setzt seinen Abendspaziergang fort. Eigentlich sieht er beinahe niedlich aus, mit dem weißen Streifen quer übers Haupt und dem kurzen Schwanz. Er quert den kleinen Bach und taucht auf der anderen Seite ins Dickicht. Dann ist er fort.

Das ist nun bald zehn Jahre her, und das war meine erste Begegnung mit diesem invasiven, übel beleumundeten Neozoon. In den Jagd- und anderen Medien war immer wieder mal die Rede gewesen von Sichtungen in Jütland – aber noch nie hier, so weit oben auf der Halbinsel, im Südteil von Djursland.

Marderhundsorgen

Unmittelbar nach dieser ersten Begegnung nahm ich Kontakt auf mit Experten, die mehr über Marderhunde wussten als ich zu dieser Zeit. Der Dänische Jägerverband hatte damals eine eigene Marderhundpatrouille eingesetzt, die die Tiere rasch auffinden und sauber erlegen sollte. Mittels Wildkameras hatten wir den Bau der Marderhunde ausgekundschaftet, einen alten, weitläufigen Fuchsbau an einem Hang im Eschenwald.

Bald darauf rückte eines Morgens die Truppe dann an, komplett mit Kleinbagger, einem in der Baujagd firmen Dackel, einem weiteren hochläufigen Hund, der Ausreißer einfangen und stellen sollte, und natürlich mit bewaffneten Jägern.

Einige Bäume mussten weichen, damit der Kleinbagger zum Bau vorrücken konnte. Dann begann er zu graben. Und er grub und grub und grub. Der Dackel schliefte ein und blieb im Bau, lange. Irgendwann tauchte er wieder auf. Ohne Marderhund. Die Truppe war nicht zufrieden. Wir gruben noch ein wenig weiter, dann gaben wir auf.

Als Nächstes legten wir einen Luderplatz an, unweit der Stelle, an der ich den Marderhund zum ersten Mal gesehen hatte, in der Hoffnung, ihn so anlocken zu können. Ludern – das war etwas, das ich in den USA gesehen hatte, dort sollten Schwarzbären angelockt werden. Mit Jagd schien mir das wenig gemein zu haben, aber es sollte sich als recht effektiv herausstellen.

Wir besorgten einige Rehwild-Aufbrüche und ähnliche „Leckerbissen“, die wir eingruben und mit Erdreich abdeckten. Rund 30 Meter davon entfernt stellten wir eine Leiter auf und brachten eine Wildkamera an, die auf den Luderplatz gerichtet war. Nur wenige Tage später wurde sie von einem Marderhund ausgelöst.

Der erfahrenste der Marderhundspezialisten übernahm die erste Nachtwache auf dem Hochsitz. Kurz vor Mitternacht hatte er Erfolg. Die Marderhunde waren zu zweit gekommen, er hatte den Rüden erlegt.

Einige Tage später tauchte die Fähe auf der Kamera auf. Diesmal war ich an der Reihe. Lange vor Sonnenuntergang baumte ich auf. Ich hatte eine Henne aus meinem Stall mitgebracht, die ich wegen einer Beinverletzung hatte töten müssen.

Wie ich mich dem Luderplatz nähere, sehe ich Bewegung, höre Schreie und Geheul. Lautlos beziehe ich meinen Hochsitz. Und jetzt, aus erhöhter Position, erkenne ich nicht weniger als sechs Marderhundwelpen, die sich am ausgebuddelten Luder gütlich tun.

Ich genieße den Anblick für eine Weile, dann trottet einer der Banditen auf mich zu. Er sieht das Huhn, das ich unterm Hochsitz habe liegen lassen. So was hat der Welpe wohl noch nie gesehen, stürzt sich aber sofort darauf. Es dauert nicht lange, bis die anderen das mitbekommen und sich ebenfalls der Völlerei hingeben. Der Anblick ist wirklich unterhaltend, und beinahe vergesse ich, wofür ich eigentlich hergekommen bin.

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