Ein Spiegelbild der Landschaftsentwicklung

| Text: Willi Rolfes |

Kaum ein Vogel der heimischen Feuchtwiesen verbindet Tarnung, Geheimnis und akrobatische Balz so eindrucksvoll wie die Bekassine. Meist verborgen im dichten Ried, verrät sie sich nur durch ihren charakteristischen Zickzackflug oder das geheimnisvolle „Meckern“, das in der Dämmerung weit über die Moore und Bruchlandschaften hinweg erklingt. Der Naturfotograf Willi Rolfes widmet sich einem echten Spezialisten der nassen Lebensräume – einem Vogel, der seit Jahrhunderten Jäger, Naturbeobachter und Ornithologen gleichermaßen fasziniert und dessen Lebensraum heute mehr denn je zu schwinden droht.

Jeder Landschaftstyp hat wohl seine ganz speziellen und charakteristischen Vogelarten. Ich lebe am Rande des Großen Moores im niedersächsischen Vechta. Es gehörte zu den besonderen Ereignissen, wenn mein Vater in meiner Jugend mit uns Kindern frühmorgens ins Moor ging, um im April den Ruf des Großen Brachvogels zu hören. Der melancholisch klingende Gesang besteht aus „guug-guug-guug“-Lauten und kann vor der Landung in einen Triller übergehen, der am Ende allmählich absinkt und leiser wird („trüt-trüt-türürrü“). Der Ruf des Großen Brachvogels war für meinen Vater der Inbegriff des beginnenden Frühjahrs. Er durchbrach die unfassbare Stille des Moores und war weithin zu hören. Gesehen haben wir Kinder den Großen Brachvogel nur selten, denn der morgendliche Nebel verhüllte die Landschaft meistens mit einem hellen Schleier.

Doch wenn wir die Moorwiesen durchstreiften, war ein anderer Vogel allgegenwärtig. Meistens erschraken wir uns, denn er flog oft unmittelbar vor unseren Füßen auf und zog pfeilschnell im Zickzackflug davon. Er verließ sich ganz auf seine perfekte Tarnung. Mein Vater erklärte uns auf Plattdeutsch, dass es sich um die „Himmelsziege“ handelte, die uns im Moor und auf den angrenzenden Weiden überall begegnete. Damals suchten wir am Ende eines solchen Spaziergangs noch einige Kiebitzeier, mit denen wir unserem Großvater eine Freude machen konnten. Das ist aus heutiger Perspektive unvorstellbar: Einerseits weil die Bekassine und selbst der Kiebitz heute auf der Roten Liste stehen und streng geschützt sind und zum anderen weil es diese Lebensräume kaum noch gibt.

Ein Blick in die Geschichte verrät, dass die Bekassine früher ein sehr häufiger Bewohner unserer norddeutschen Offenlandschaft war. Auch die Jagd auf den Schnepfenvogel war sehr beliebt und galt als äußerst schwierig. Und für die kulinarisch Interessierten galt die Bekassine als Delikatesse.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Im Jahr 1928 notierte der Zoologe Oskar Heinroth: „Es erübrigt sich, hier über das Freileben der Bekassine zu sprechen, sie ist wegen ihrer Häufigkeit bekannt genug, und nur über die Entstehung des Meckerns tauchen hin und wieder noch Zweifel auf.“ Und im Jahr 1836 protokollierte der renommierte Vogelkundler Friedrich Naumann, die „gemeine Sumpfschnepfe“ verdiene das Attribut völlig zu Recht, weil sie fast überall „in unglaublicher Anzahl“ vorkomme.

Die Bekassine ist ein in Deutschland vor allem bei uns im Norden relativ weitverbreiteter Schnepfenvogel, der jedoch auffällig seltener wird. Markant ist ihr sehr langer, gerader, spitzer Schnabel und die häufig geduckte Körperhaltung. Ihr Gefieder ist überwiegend braun gemustert, nur die Unterseite des Körpers ist weißlich, was ihr eine perfekte Tarnung in dichter, niedriger Vegetation verschafft. Auffallend sind jedoch die hellen Streifen, die vom Kopf über die gesamte Oberseite verlaufen. Das weiße Hinterrad am Flügel ist im Flug gut erkennbar.

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