Die Riesenhirsche

| Text: Dr. Johanna Maria Arnold |

Rotwild ist ein beliebtes Jagdwild, weltweit. Einige Hirschbullen werden durch die Bewertung ihrer Trophäen berühmt, wie beispielsweise die Hirsche aus dem Duvenstedter Brook, die nach der CIC-Trophäenbewertung weltweit mit an der Spitze stehen. Doch was verbirgt sich hinter diesen „Riesenhirschen“? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Der Rothirsch (Cervus elaphus) ist nach dem Wisent (Bos bonasus) das größte Landsäugetier Europas. Der große Cervide bewohnt weite Teile Europas, die Kaukasusregion, Kleinasien, den Iran, Teile Westasiens und Zentralasiens. Er ist auch im Atlasgebirge zwischen Marokko und Tunesien im Nordwesten Afrikas zu Hause und ist die einzige Hirschart, die das nördliche Afrika in kleinen Teilen bewohnt. Die Art wurde in anderen Gebieten, meist aus jagdlichen Gründen, eingeführt, darunter in Australien, Neuseeland, den Vereinigten Staaten, Kanada, Peru, Uruguay, Chile und Argentinien.

Von Cervus elaphus gibt es in seinem westlicheren Verbreitungsgebiet mehrere Unterarten (laut IUCN 2021)

C. e. elaphus: Irland, Großbritannien, Kontinentaleuropa
C. e. barbarus: Atlasgebirge (Algerien, Tunesien)
C. e. corsicanus: Korsika (ausgestorben, 1985 wiedereingeführt), Sardinien
C. e. maral: zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Meer wie der Krim, Kleinasien, der Kaukasusregion, die an Europa und Asien grenzt, und entlang der Region des Kaspischen Meeres im Iran, Anatolien
C. e. italicus: Italien (Ferrara), (Mesola-Rothirsch) wurde kürzlich aufgrund morphologischer und genetischer Merkmale als neue Unterart aus dem Naturschutzgebiet Bosco della Mesola beschrieben, von der man annimmt, dass es die einzige autochthone Rothirschpopulation auf der italienischen Halbinsel ist (Zachos et al. 2014, Lorenzini & Garofalo 2015)
C. e. brauneri: Krim (Russland)
C. e. montanus (syn. carpathicus): Karpaten

Neuere Analysen stellen jedoch die Richtigkeit der morphologiebasierten Taxonomie im Allgemeinen infrage. Vielmehr wurden drei genetische Linien deutlich unterschieden, die ungefähr den geografischen Faktoren entsprachen. Eine Linie war in Mittel- und Westeuropa (und auch in der Ukraine) verbreitet, eine von Osteuropa bis in den Nahen Osten und eine dritte, die C. e. barbarus und C. e. corsicanus aus Nordafrika und Sardinien. Die beiden Letztgenannten gelten als Synonyme und wurden als Unterart empfohlen (Lorenzini & Garofalo 2015). Diese Arbeit und andere Arbeiten legen nahe, dass eine Überarbeitung der unterartspezifischen Taxonomie von Cervus elaphus von Vorteil sein könnte (Ludt et al. 2004).

Innerhalb der Art Rothirsch gibt es folglich mehrere Unterarten, zwischen denen es teils große Unterschiede hinsichtlich der Körpergröße und Körpermasse gibt. Dabei folgt diese Größenverteilung der Bergmann’schen Regel (James 1970), die eine positive Assoziation zwischen der Körpermasse und dem von diesen Arten bewohnten Breitengrad herstellt: Sie besagt, dass Tiere einer Art (Säugetiere und Vögel) in kälterem Klima durchschnittlich größer sind (vgl. Blackburn et al. 2008).

Genetik und Phänotyp

Besonders kleine Rothirsche leben in Sardinien und Korsika mit Körpergewichten um 80 Kilogramm. Große Vertreter der Gattung Cervus elaphus leben in den Karpaten, in Bulgarien und in der Region zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, die Männchen bringen dort bis zu 320 Kilogramm auf die Waage. Eine Besonderheit lebt in einer kleinen Region im Naturschutzgebiet Bosco della Mesola: Der Mesola-Rothirsch ist die einzige ursprüngliche Rothirsch-Unterart der italienischen Halbinsel (Mattioli et al. 2001) und weist einen mitochondrialen DNA-Genotyp auf, dessen Sequenz sich deutlich von der aller anderen Rotwildpopulationen unterscheidet (Lorenzini et al. 2005, Hmwe et al. 2006). Diese Rothirsche sind im Durchschnitt 30 bis 50 Prozent leichter und mindestens acht bis 15 Prozent kleiner als andere europäische Rothirsche (Mattioli & Ferretti 2014), und im Gegensatz zu den anderen Cervus elaphus-Unterarten zeigt der Mesola-Rothirsch einen minder stark ausgeprägten Sexualdimorphismus, d. h., männliche und weibliche Stücke unterscheiden sich weniger deutlich als bei anderen Unterarten, bei denen ausgewachsene Männchen meist um zehn bis 15 Prozent größer und 50 bis 70 Prozent schwerer als ausgewachsene weibliche Rothirsche sind (vgl. Wilson & Russel 2011).

Weiter zeigen sich im Jahresverlauf deutliche Gewichtsunterschiede bei Cervus elaphus, insbesondere bei den männlichen Tieren: Während der Feistzeit nehmen Hirsche stark an Gewicht zu und verlieren dann während der kräftezehrenden Brunft bis zu 25 Prozent ihres Körpergewichtes. Auch innerhalb Mitteleuropas gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Körpermasse von Hirschen vergleichbaren Alters: Kapitale Hirsche im Duvenstedter Brook kommen während der Feistzeit auf bis zu 230 Kilogramm Wildbretgewicht (Rohleder 2004), in Brandenburg bis zu 170 Kilogramm, im Wallis bis zu 148 Kilogramm (Bützler 1986) und in Nordpolen ca. 150 Kilogramm (Janieszewski & Kolasa 2006). Bei diesen Angaben müssen natürlich immer die Jahreszeit, aber auch die Messdetails betrachtet werden, um direkte Vergleiche ziehen zu können, aber dennoch zeigen diese Angaben die große innereuropäische Varianz. Zu den Unterschieden bei den Größen und Gewichtsunterschieden sowie den Trophäen tragen unterschiedliche Klimaeinflüsse und Ernährungsbedingungen bei. In der Regel nehmen die Größen von West- und Nordwesteuropa mit seinem ozeanischen Klima in Richtung Süd- und Südosteuropa mit dem eher kontinentalen Klima zu.

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