Die Vielfalt des Lebens und ihre Bedeutung für die Menschheit

| Text: Dr. Johanna Maria Arnold und Dr. Janosch Arnold |

Die Biodiversität hat unmittelbaren Einfluss auf das menschliche Wohlergehen. Die Luft, die wir at-men, das Wasser, das wir trinken, und das Essen, das wir essen, hängen von der biologischen Vielfalt ab, die uns umgibt. Aber die Biodiversität befindet sich derzeit in einer menschengemachten Krise, und ihre und damit unsere Zukunft hängt von unserem Handeln ab.

Was ist Biodiversität?

Biodiversität ist die Vielfalt des Lebens auf der Erde in all seinen Formen und Wechselwirkungen. Das klingt verwirrend weitläufig, und so ist es auch. Denn die biologische Vielfalt ist nicht nur das komplexeste Merkmal des Planeten Erde (MacDonald 2020), sondern auch das wichtigste, weil sie die Lebensfunktionen der Erde direkt beeinflusst und bestimmt.

Oftmals wird Biodiversität synonym für Artenvielfalt verwendet. Es geht nicht nur um die Vielfalt der Pflanzen- und Tierarten, sondern auch um die genetische Vielfalt innerhalb einer Art und ferner um die biologische Vielfalt der einzelnen und in Verbindung stehenden Ökosysteme. Formal gesehen, besteht die biologische Vielfalt aus mehreren Ebenen, beginnend mit Genen, dann einzelnen Arten, dann Gemeinschaften von Lebewesen und schließlich ganzen Ökosystemen wie Wäldern, Seen oder Korallenriffen, in denen das Leben mit der physischen Umgebung zusammenspielt. Diese unzähligen Wechselwirkungen haben die Erde seit Milliarden von Jahren bewohnbar gemacht. Tier- und Pflanzenarten haben sich über lange Zeiträume an die Lebensräume durch evolutive Prozesse angepasst. So wäre eine philosophischere Sichtweise auf die Artenvielfalt folgende: Sie repräsentiert die Fähigkeit, dass die sich entwickelnden Arten über Millionen von Jahren gelernt haben, wie sie unter den sehr unter-schiedlichen Umweltbedingungen überleben können. Und, Experten warnen, dass die Menschheit derzeit „diese Bibliothek des Lebens verbrennt“ (Valiveronnen & Hellsten 2002, Legagneux 2019).

Warum sind einzelne Arten so wichtig?

Wildtiere und Pflanzen sind für viele Menschen etwas Abstraktes, etwas, das man im Fernsehen sieht, aber nicht Teil der direkten Erfahrungswelt ist. Und doch hängen die essenziellen Güter letztendlich von der biologischen Vielfalt ab. Einige Effekte liegen offensichtlich auf der Hand: Ohne Pflanzen gäbe es keinen Sauerstoff, und ohne Bestäuber wie Bienen oder andere Insektenarten gäbe es keine Früchte oder Nüsse (Klein et al. 2007); selbst hoch industrialisierte Obst-anlagen sind auf die kleinen Helfer angewiesen; wenn die natürlichen Bestäuber der Nutzpflanzen fehlen, muss per Hand bestäubt werden. Die Vanille beispielsweise wird auf künstliche Art befruchtet. Das ist aufwendig und teuer. Andere Effekte sind weniger offensichtlich, aber nicht weniger wichtig: Korallenriffe und Mangrovensümpfe bieten den Küstenbewohnern einen unschätzbaren Schutz vor Wirbelstürmen und Tsunamis, während Bäume die Luftverschmutzung in städtischen Gebieten absorbieren können. Destruenten (Zersetzer), wie Aas- und Abfallfresser, Bakterien und Pilze, bauen tote, energiereiche organische pflanzliche und tierische Substanzen in energiearme anorganische Stoffe, wie Kohlenstoffdioxid, Wasser und Mineralstoffe, unter Energiegewinn ab und stellen sie so für das Pflanzenwachstum bereit (Beck 2019). Andere Effekte wirken „um drei Ecken“ – tropische Schildkröten und Klammeraffen haben anscheinend wenig mit der Aufrechterhaltung eines stabilen Klimas zu tun. Jedoch sind die Hartholzbäume, die Kohlendioxid am effektivsten aus der Atmosphäre binden, darauf angewiesen, dass ihre Samen von diesen großen Obstfressern verteilt werden (Rivera-Bialas et al. 2014, Aye & Minn 2019).

Egal, wo beobachtet und geforscht wird: Es gibt unzählige solche Wechselwirkungen, hervorgebracht durch Jahrmillionen Evolution. Und wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, kann man dieses feine Ineinandergreifen der Zahnräder direkt auch vor der Haustür beobachten: Eichelhäher und Eichhörnchen helfen dem Wald bei der Baumverjüngung, Rothirsche können durch Verbiss Mikrolebensräume für andere Tierarten schaffen, und Fledermäuse können mehrere Tausend Stechmücken pro Nacht vertilgen.

Wie vielfältig ist die Artenvielfalt?

Verblüffend vielfältig! Allein die Anzahl der Arten lässt sich kaum beziffern: Registriert wurden ca. 1,7 Millionen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Schätzungen sprechen aber von wahrscheinlichen 8–9 Millionen und bis zu möglichen 100 Millionen Arten (Wilson 1985). Hotspots der Artenvielfalt sind die Tropenregionen: Hier gibt es die höchste Dichte an Arten. 700 Baumarten kommen auf 15 Hektar Wald in Borneo vor, in etwa die gleiche Anzahl wie in ganz Nordamerika (Wilson 1985). Vielfalt kann auch auf genetischer Ebene berücksichtigt werden. Genanalysen eröffneten neue Welten: So hat sich gezeigt, dass Organismen, die man einer Art zugeordnet hat, tatsächliche Dutzende Arten widerspiegeln. Wenn man zur Zählung der Artenvielfalt noch die Bakterien und Viren hinzufügt, könnte sich die Gesamtzahl auf Milliarden belaufen. Schon allein in einem einzigen Löffel Erde sind Zehntausende verschiedene Arten von Bakterien enthalten. Schon seit Langem sorgt sich die Wissenschafts-Community, dass viele Arten verloren gehen könnten, bevor wir uns ihrer überhaupt bewusst werden oder erkennen, welche Rolle sie im Zahnrad des Lebens spielen.

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