Eine echte Frohnatur

| Text: Annette Feldmann |

Dem Geschmack seiner dicken, fleischigen Blätter hat der Borretsch den Beinamen „Gurkenkraut“ zu verdanken. Er wird als Küchenkraut in Gärten angebaut und als Heilpflanze verwendet.

Die Stängel und Blätter des Borretschs besitzen borstige Haare – was vielleicht den Namen erklärt, denn „borra“ bedeutet im Lateinischen „Gewebe aus rauer Wolle“. Eine andere Erklärung bietet das arabische Wort „abu r-rach“, was übersetzt „Vater des Schweißes“ heißt und auf die schweißtreibende Wirkung der Pflanze Bezug nehmen soll. Eine dritte Möglichkeit, den Namen herzuleiten, bietet das keltische Wort „borrach“ für „Mut“.

Im Volksmund kennt man den Borretsch als Blauhimmelstern, Liebäuglein oder auch Augenzier. Andere Namen deuten darauf hin, dass die Pflanze in der Volksheilkunde als Stimmungsaufheller und bei Herzbeschwerden genutzt wurde: Herzfreude, Herzblümlein oder Wohlgemutsblume.

Kann man etwas Schöneres über eine Pflanze sagen? „Ich, Borretsch, bringe immer Freude“, schrieb einst der römische Gelehrte und Naturkundler, Plinius der Ältere. Und so aßen die Römer gerne Borretschblüten, um ihre Laune zu verbessern oder ihr Selbstvertrauen zu stärken. Gut 1 500 Jahre später schrieb auch der englische Chirurg und Botaniker John Gerard in seinem Werk „The Herball or Generall Historie of Plantes“: „Heute tun die Menschen die Blüten in den Salat, um sich fröhlich zu stimmen und die Laune zu verbessern. Vieles kann man aus der Pflanze machen, was das Herz erleichtert, die Sorgen vertreibt und den Geist erhebt.“

Ganz nach dem Motto „borage for courage“ („Borretsch macht Mut“) haben die Kreuzfahrer im Mittelalter zum Abschied einen alkoholischen Trunk erhalten, in dem die blauen Borretschblüten schwammen. Er sollte ihnen Mut und Tatkraft für ihre Mission verleihen. Aus dem gleichen Grund haben sich die Kreuzfahrer Borretschpflanzen an die Pferdehalfter und Steigbügel gebunden, um sich für ihre Aufgabe, das Morgenland zu missionieren, zu wappnen.

Borretsch wurde in der Volksheilkunde unter anderem gern als Mittel gegen Melancholie und Traurigkeit eingesetzt. Diese Ansicht gilt jedoch spätestens seit 1991 als überholt: Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes veröffentlichte eine Monografie über den Borretsch, in der auf verschiedene toxische Inhaltsstoffe der Pflanze hingewiesen wird. Fazit: „Angesichts der Risiken und der für die beanspruchten Anwendungsgebiete nicht belegten Wirksamkeit ist die therapeutische Anwendung von Borretschblüten und -kraut nicht vertretbar.“

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