Es ist genug für alle da
| Text: Moritz Schmid |
Die nächste Pilzsaison kommt bestimmt. Und mit ihr Scharen von Menschen, die Pilze für sich privat, aber auch kommerziell ernten. Moritz Schmid, Pilzsachverständiger der DGfM (Deutsche Gesellschaft für Mykologie e. V.) und Kursleiter für Waldbaden, erläutert in dieser Ausgabe der HALALI, warum der Wald kein Supermarkt ist.
Ich liebe einsame Morgen im Wald. Wenn die Welt noch schläft und der Tag gerade erst erwacht, bin ich gerne bereits im Wald, um nach Pilzen Ausschau zu halten. Kurz bevor die Sonne durchkommt – zur blauen Stunde. Die Luft ist frisch, irgendwo hängt noch Nebel zwischen den Bäumen, und alles erwacht allmählich. Dort hinten hämmert ein Specht, irgendwo raschelt etwas im Unterholz, und für einen kurzen Moment fühlt sich alles unberührt und frisch an.
Der frühe Vogel fängt den Wurm, sagt man. Beim Pilzesammeln stimmt das meistens auch. Je früher man im Wald ist, desto größer ist die Chance auf gute Funde: kleine, knackige Exemplare, die gerade erst „geschlüpft“ sind. Das ist eine Regel, die gilt. Wer erst mittags loszieht, hat eher gute Chancen darauf, dass andere vor ihm da waren und der Wald schon abgeerntet wurde – vom verpassten Sonnenaufgang ganz zu schweigen.
Wer zur rechten Zeit am rechten Ort ist, kennt diesen Moment: Es schaut ein Steinpilz aus dem Moos, den vor dir noch niemand entdeckt hat. Du bist ganz allein und darfst dieses kleine Wunder für dich genießen. Denn das ist jeder Fund: ein kleines Wunder. Man ist genau jetzt zur rechten Zeit am rechten Ort – vor ein paar Stunden war der Pilz noch gar nicht da, und in ein paar Tagen ist er (je nach Art) bereits wieder verschwunden. Aber dieser hier gehört dir und landet im Korb. Schöner kann ein Tag doch gar nicht beginnen! Wären da bloß nicht die anderen Sammler. Sobald man ein Knacken im Unterholz hört und kurz darauf Menschen mit Körben sieht, weiß man, dass man nicht der Einzige ist, der den Schätzen des Waldes auf der Spur ist. Die innere Ruhe ist damit dann auch meist dahin. Los geht’s mit dem Wettrennen um den tollsten Pilz.
Genau deshalb waren Pilzspots wahrscheinlich schon immer kleine Staatsgeheimnisse. Der gemeine Pilzsammler nimmt seinen Spot ja sogar mit ins Grab. So sagt man, und so war das gefühlt schon immer. Die Großeltern hätten wahrscheinlich eher ihre Kontonummer verraten als einen Steinpilzspot. Fair enough. Wenn man über Jahrzehnte etwas aufgebaut hat, Stellen kennt, die funktionieren, dann will man diese schützen. Es steckt viel Zeit darin, Erfahrung und manchmal auch einfach das nötige Quäntchen Glück.
Bei mir persönlich hat sich das aber im Laufe der Zeit verändert. Mittlerweile teile ich gerne. Vielleicht ist es eine Generationssache, ich weiß es nicht. Mir macht das Teilen jedenfalls mehr Spaß als das Horten für mich allein. In meinen Workshops, die ich als Pilzsachverständiger gebe, führe ich die Teilnehmer an Fundorte, die ich über viele Jahre hinweg erkundet und intensiv kennengelernt habe. Die größte Freude ist es dann, wenn ich Wissen weitergeben kann und Teilnehmende erfolgreich „zum Pilz führe“. Der Moment, wenn jemand neben mir plötzlich vor Freude komplett ausrastet, weil er seinen ersten Steinpilz findet. Das ist für mich das Größte. Zu sehen, wie Leute sich begeistern und dadurch wieder anfangen genauer hinzuschauen. Wie sie Bäume, Pflanzen, Pilze wahrnehmen, Zusammenhänge erkennen und den Wald und unsere Umwelt anders lesen. Wenn Wissen sich verbreitet und nicht nur eine Person, sondern gleich mehrere glücklich macht, dann hab auch ich gewonnen.
Mit zunehmender Artenkenntnis findet man übrigens auch dann noch Pilze, wenn andere Sammler bereits vor einem da waren und die Klassiker (wie Steinpilz, Marone oder Pfifferling) bereits eingetütet haben. Mit wachsender Artenkenntnis kommt automatisch auch anderes Wissen über das gesamte Organismennetzwerk – welcher Pilz ist wie geschützt, was und wo darf ich überhaupt sammeln etc. Übrigens: Die meisten Klassiker wie Rotkappe, Steinpilz oder Pfifferling sind nach Bundesartenschutzverordnung geschützt. Sie dürfen nur in geringen Mengen und ausschließlich für den Eigenbedarf entnommen werden. In der rechtlichen Umsetzung ist das Thema erstaunlich schwammig. Was genau ist Eigenbedarf, darf ich ein oder zwei Kilo sammeln oder sogar so viel, wie ich möchte? Wann drohen Strafen?
Viele kennen die sogenannte Handstraußregel – diese sollte man meines Erachtens immer im Hinterkopf haben: Das, was ich mit zwei Händen tragen kann, darf ich mitnehmen. Kann man sich gut merken. Was eine kleine Menge aber rechtlich ist, wird nicht überall gleich ausgelegt. Oft hört man ein bis zwei Kilo, je nach Bundesland kann das unterschiedlich aussehen. Sei’s drum. Ich bin kein Anwalt. Mir geht es auch nicht um Gesetze, sondern um gesunden Menschenverstand. Wenn wir anfangen darüber zu diskutieren, ob jetzt 1,8 Kilo noch okay sind oder in einer anderen Situation vielleicht sogar einmal 2,5 Kilo, dann reden wir am eigentlichen Thema vorbei.

