Funkenflug und Fortschritt – als der Pulverdampf sich lichtete
| Text: Dr. Bernhard Pacher und Theo Fischer |
Die moderne Jagdwaffe fiel nicht vom Himmel – sie entstand aus Versuch, Irrtum und genialer Handwerkskunst. Folgen Sie uns durch Werkstätten, Fürstenhöfe und Pulverrauch – dorthin, wo Technik zur Jagdkultur wurde.
Wer heute eine moderne Jagdbüchse aus dem Futteral nimmt, einen Blick durch präzise geschliffenes Glas wirft und sich auf präzise Technik verlässt, dem erscheint all das beinahe selbstverständlich. Der Schuss bricht sauber, der Verschluss läuft geschmeidig, und außer einem trockenen Knall erinnert nichts daran, dass hier kontrollierte Explosion im Spiel ist. Man könnte fast vergessen, dass diese Souveränität das Ergebnis einer jahrhundertelangen Suche nach dem „besseren Knall“ ist – und dass der Weg dorthin alles andere als geradlinig verlief.
Bevor Stahl berechnet und Gasdruckkurven gezeichnet wurden, bevor Patronen millimetergenau gefertigt aus der Schachtel kamen, begann alles mit einer Substanz, die mehr Rauch als Klarheit erzeugte und mehr Zufall als Präzision kannte. Eine Entdeckung, deren Tragweite zunächst wohl niemand wirklich ermessen konnte – und die dennoch die Jagd grundlegend verändern sollte.
Mit der Erfindung des Schießpulvers im 14. Jahrhundert begann die Entwicklung einer Reihe neuer Waffen und Waffengattungen – nämlich zu-allererst der Artillerie, sodann der Handfeuerwaffen –, die von einem einzelnen Menschen bedient werden konnten. Diese frühen Feuerwaffen, zunächst die „Handgonnen“ (Hand-Kanonen) und ab dem 15. Jahrhundert die Luntenschlossgewehre, waren bis ins frühe 16. Jahrhundert hinein für die Jagd nicht recht zu gebrauchen, waren sie doch mit einer ganzen Reihe von Nachteilen behaftet: Die Form der Waffen machte es recht schwer, einen gezielten Schuss abzugeben, die Reichweite und Wirksamkeit der großkalibrigen Bleikugeln war leidlich beschränkt, die Qualität des Pulvers und damit die Wiederholgenauigkeit schwankten erheblich, und nicht zuletzt die Notwendigkeit, eine glimmende Lunte mitzuführen, um den Schuss bei Bedarf entzünden zu können, führte dazu, dass das Wild rechtzeitig das Weite suchte, hatte es doch „Lunte gerochen“.
Im 16. Jahrhundert jedoch bekam die Sache endlich eine Richtung – und zwar gleich doppelt: Zum einen entdeckte man, dass spiralförmige Züge im Lauf der Kugel Stabilität, Reichweite und damit erstaunliche Präzision verliehen; zum anderen machte das Radschloss dem nervösen Hantieren mit der glimmenden Lunte ein Ende. Mit einem Mal wurde aus dem launischen Knallapparat ein ernst zu nehmendes Jagdwerkzeug. Das Radschloss machte endlich das Mitführen einer glimmenden Lunte obsolet, schützte das Pulver auf der Pfanne vor Regen (zumindest besser als beim Luntenschloss) und verfügte zum einen über eine bereits ziemlich akkurate Abzugseinrichtung, zum anderen über gute Ansätze brauchbarer Zieleinrichtungen in Form von einfachen Kimme-und-Korn-Visierungen. Leider war die Technik noch ein wenig komplex und dadurch sehr teuer in der Anschaffung, was die schnelle Verbreitung doch deutlich verzögerte, auch wenn die einzigen, denen die Ausübung der Jagd gestattet war, Adel und Klerus, nicht gerade zu den Ärmsten der Armen zählten. So findet die Jagd mit Feuerwaffen in der Literatur des 16. Jahrhunderts kaum Erwähnung. Selbst Kaiser Maximilian I. führte auf seiner Brautfahrt zu Maria von Burgund, im Theuerdank von 1519 spektakulär verewigt, nur Speere und Schwerter mit sich. Nur ein einziges Mal werden Gewehre abgebildet, als ein Attentat auf ihn verübt werden sollte, das aber glücklicherweise scheiterte. Selbst im wohl berühmtesten Landsknechtbuch der Zeit, dem Fronsperger, erstmals erschienen 1566, spielt das Gewehr kaum eine Rolle – Artillerie und „Feuerwerckerey“ waren wesentlich wichtiger.
Erst mit der Erfindung des Steinschlosses in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam Bewegung in die Sache. Steinschlosse waren konstruktiv deutlich einfacher als die komplexen Radschlosse und dadurch günstiger herzustellen. Zudem ließen sie sich kleiner und leichter bauen. Gleichzeitig verbesserten sich Schieß- und Zündpulver in ihrer Qualität, was die Waffen zuverlässiger machte – und am Ende vor allem eines brachte: mehr Reichweite, mehr Präzision und spürbar mehr Wirkung im Ziel. Und damit setzte ein massiver Schub in der Entwicklung von Spezialwaffen für die unterschiedlichsten jagdlichen Zwecke ein. Vom kleinkalibrigen Gewehr für Raubzeug über die schwere Elefantenbüchse bis hin zur sogenannten Punt Gun reichte das Spektrum: Letztere waren bis zu 3 m lange, 45 bis mitunter 90 kg schwere Großkaliber-Schrotflinten, fest auf flachen Booten (punts) montiert, die mit einer einzigen Salve mehrere Dutzend Enten – „several dozen ducks“, wie zeitgenössische Berichte formulieren – erfassen konnten; ein Zeugnis spektakulärer, später jedoch höchst kontroverser Jagdpraktiken des 19. Jahrhunderts.

