Gefährlicher Zauber

| Text: Gabriele Metz |

Er ist ein Hingucker am Wegesrand und vermag Menschenleben zu retten, aber auch zu nehmen. Der Rote Fingerhut polarisiert, und doch ist die Versuchung groß, mit ihm Highlights im eigenen Garten zu setzen.

Folgt man dem Volksglauben der Britischen Inseln, so ziert er die Köpfe von Feen und Elfen als Kopfbedeckung und schützt vor dem bösen Blick. Eine reizvolle Vorstellung, doch der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea) vermag noch weitaus mehr: Er ist ein natürliches Herzmittel und verschönert mit seiner leuchtenden Blütenpracht romantische Bauerngärten. Bei Waldspaziergängen lacht er dem Wanderer an Wegesrändern entgegen. Doch so schön er auch ist … – dem Fingerhut wohnt ein gefährlicher Zauber inne.

Denn Digitalis purpurea ist eine ausgesprochen giftige heimische Pflanze. Bereits zwei bis drei Blätter des Roten Fingerhuts entfalten bei Verzehr mitunter sogar eine tödliche Wirkung beim Menschen. Dabei sind die in allen Pflanzenteilen enthaltenen Glykoside gleichzeitig hochwirksame Arzneimittel zur Stärkung des Herzmuskels und Regulierung der Herzfrequenz. Die Dosis macht das Gift. Wobei zur Herstellung von Herzmedikamenten heute kein Roter Fingerhut, sondern der südosteuropäische Wollige Fingerhut (Digitalis lanata) angebaut wird. Der Wirkstoffgehalt seiner Blätter ist höher als der des Digitalis purpurea.

Vermutlich liegt es an der schmalen Gratwanderung zwischen Nutzen und Risiko, dass der Fingerhut lange Zeit keine Erwähnung in naturheilkundlichen Schriften fand. Das Altertum blendet ihn schlichtweg aus. Sowohl die Griechen als auch die Römer verzichten komplett auf seine Beschreibung. Zu Beginn des Mittelalters taucht in Irland der Begriff „Frairie’s Herb“ auf. Dort setzte man den Fingerhut offenbar zur Behandlung „verhexter“ Kinder ein. Oftmals mit tragischem Ausgang. Aus dem
12. Jahrhundert ist der naturheilkundliche Einsatz als äußerlich anwend-bares Mittel zur Behandlung von Geschwüren und Wunden bekannt. Mitte des 16. Jahrhunderts erwähnt der Botaniker Leonhart Fuchs erstmals den Namen Digitalis in seinem 1542 erschienenen „New Kreüterbuch“. Bei der Namensgebung inspirierten ihn die Fingerhüte der Schneider – Digitales genannt.

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